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Sonntag, 26. September 2021

Klarer Fall von Selbstüberschätzung?

Eine Beziehung mit Jemandem der gebunden ist oder eine Fernbeziehung ist einzeln für sich schon nicht leicht, aber beides in einem geht gar nicht.
Am Anfang dachte ich, dass ist die perfekte Lösung. Sie lebt in einer langjährigen Beziehung mit einem Mann, ihre Anreise dauert über drei Stunden. Also nicht mal eben so vorbeikommen.
Es schien alles perfekt. Wir hatten viel Spaß, der Sex war gigantisch und auch sonst hatten wir uns viel gegenseitig zu geben.
Doch nach einiger Zeit merkte ich, dass mir das nicht mehr reichte.
Ich wollte mehr. Ich wollte mit ihr verreisen, ins Kino, zum Essen ausgehen, Theater- und Musicalbesuche, and so on.
Doch das war alles nicht möglich, da sie nur für eine Nacht kam, wir unser 08/15 Programm abspulten und das wars dann.
Ich spürte, dass auch sie wohl mit dieser Situation nicht mehr so recht glücklich war.
Also beschloss ich die Affäre zu beenden. Leicht ist es mir nicht gefallen, aber: besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.
Was sich am Anfang als ideale Lösung anfühlte entpuppte sich am Ende als Stolperstein.
Doch im nachhinein überlege ich, haben wir vielleicht Liebe mit Leidenschaft verwechselt?
 Gebrochenes Herz | 💔 | Emojis
 
 Wie dem auch sei, ich kann nur jeder raten, fangt nichts festes mit einer Frau an, die noch in einer bestehenden Beziehung lebt. Das kann nicht gut ausgehen. Und am Ende hat eine oder beide ein gebrochenes Herz. 
Oder lasst einfach die Liebe aus dem Spiel. Keine Gefühle, kein Frust.
Jetzt weiß ich wieder, warum ich mich nie wieder verlieben wollte.
Das ist mir alles viel zu anstrengend und kompliziert.
 
Doch allen glücklich Verliebten da draußen wünsche ich alles Liebe und Gute und viel Glück für die Zukunft. Kämpt für eure Liebe, lasst sie nicht zur Gewohnheit werden. Schafft immer wieder neue gemeinsame Erinnerungen. Freut euch über jeden gemeinsamen Tag. Respektiert euch, hört euch gegenseitig zu und bleibt im Bett erfinderisch und kreativ.
 
In diesem Sinne.
Habt eine schöne Woche.
 
Eure Sandy.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Sonntag, 25. Januar 2015

Feedback

Ich freue mich über jedwede Art von Feedback oder Anregungen:

Sandy_Meier@ok.de

Ich freue mich über jede Nachricht, Antwort garantiert.

LG Sandy

Sonntag, 27. April 2014

Kapitel 8: Der Morgen danach

Mmmmhhh, langsam wurde ich wach. In meinem Kopf hämmerte der Wodka von gestern Abend gegen meine Stirn. Mir war übel und ich hatte einen schalen Geschmack im Mund.
Nach und nach fiel mir alles wieder ein. Die Karaoke-Bar, Cassies Auftritt, Jennies Auftauchen, der viele Wodka und dass ich mich übergeben hatte. Ich lauschte in die Stille und hörte Cassies regelmäßigen Atem.
Gott sei Dank, sie war noch da. Lansam drehte ich meinen Kopf in ihre Richtung. Oh Mann, das Hämmern in meinem Kopf war wirklich nicht lustig.
Vorsichtig brührte ich Cassies Arm. Sie regte sich nicht. Also blieb auch ich liegen und beobachtete sie im Schlaf. Sie sah so schön aus, ihr kastanienbraunes Haar lag verwuselt um ihren Kopf. Ihre vollen Lippen waren leicht geöffnet und sie strahlte eine körperliche Wärme aus, von der ich mich von Anfang an angezogen fühlte. Ich wandte meinen Blick zur Zimmerdecke. Der Abend war nicht gut verlaufen und ich grübelte, an welcher Stelle ich den entscheidenden Fehler begangen hatte. Ich zermarterte mir das Hirn, doch mein Kopf wollte noch nicht so recht funktionieren. Also beschloß ich, ersteinmal aufzustehen und einen Kaffee zu trinken. Vorsichtig schälte ich mich aus dem Bett, dabei entrann meiner Kehle ein Stöhnen. Mein Kopf fühlte sich an wie eine überreife Tomate. Langsam, darauf achtend den Kopf nicht zu tief hängen zu lassen, schlurfte ich in die Küche. Dort machte ich mich an der Kaffeemaschine zu schaffen und schon kurz darauf gurgelte sie fröhlich vor sich hin.
Nachdenklich stützte ich mich auf die Arbeitsplatte und starrte auf den tropfenden Kaffee, ohne wirklich etwas wahr zu nehmen. Plötzlich vernahm ich ein Geräusch und ich zuckte etwas zusammen, als Cassies Arme sich von hinten um meinen Bauch schlossen.
Sie gab mir einen Kuss in den Nacken und hauchte mir ein "guten Morgen" ins Ohr. Ich wollte mich zu ihr umdrehen, doch sie drückte meinen Körper so sanft gegen das warme Holt der Arbeitsplatte, dass es mir nicht gelang, ohne grob zu werden. Also blieb ich stehen und harrte der Dinge die da kommen würden. Ich spürte ihren Atem in meinem Nacken. Meine Härchen stellten sich auf. Ich bekam eine Gänsehaut. Diese Reaktion rief sie immer bei mir hervor, wenn sie mir so nahe war. Langsam fing sie an kleine zärtliche Küsse auf meinem Nacken zu verteilen. Zwischendurch fragte sie leise: "Hast du gut geschlafen meine Süße?"
Mein Körper bebte. Ich brachte nur ein heiseres "Ja" hervor. Jetzt liess sie doch zu, dass ich  mich umdrehte. Ich sah ihre wundervoll glänzenden Augen direkt vor mir. Ihr Blick war so intensiv und dunkel, wie immer, wenn wir kurz davor waren uns zu lieben. Sie wollte mich küssen, doch ich war mit meinen Gedanken noch bei dem gestrigen Abend. Ich mußte das erst klären. Also zog ich mein Gesicht etwas von ihr weg. Sie schaute etwas erstaunt, aber, ja, ich glaube auch etwas amüsiert. "Was ist los? Alles in Ordnung mit dir?"
Ich schluckte. "Ja, nein, doch, ach verdammt." Ich löste mich aus ihrer Umarmung und stützte mich auf die Lehne des Küchenstuhls. Jetzt schaute Cassie mich doch etwas verwundert an. Sie ergriff meine Hände und streichelte mit ihrem Daumen meine Handrücken. Aber sie sagte nichts und wartete nur ab.
Ich stellte nur eine Frage: "Cassie, was war das gestern Abend?"
Sie lächelte, ja, tatsächlich lächelte sie mich mit ihrem tollen Mund an und meine Knie wurden weich. Verdammt, ich empfand doch mehr für sie als ich mir bisher eingestanden hatte.
"Was meinst du?" Jetzt war ich baff. Hatte ich Gestern geträumt? Oder habe ich wieder alles in den falschen Hals bekommen und überbewertet?
"Na ja", versuchte ich eine Erklärung. "Du warst Gestern so komisch. Nachdem wie aus der Bar raus waren. Du warst so still." Mir blieb die Luft weg, so aufgeregt war ich. Was war denn bloß mit mir los? Ich bin doch sonst nicht so unsicher. Cassie sagte nichts, sie sah mich nur an.
"Ich dachte, ich hätte etwas falsch gemacht. Weil ich bei Jenny nicht zu dir gestanden habe." Ich atmete hörbar aus.
Sie sah mich immer noch an. Es dauerte einige Sekunden bis sie antwortete, aber mir kam es wie Minuten vor.
Plötzlich fing sie an lauthals zu lachen. Das überraschte mich jetzt doch. Was hatte ich denn so witziges gesagt? Ich war etwas empört, das gebe ich zu. Ich hatte Angst, dass unsere Beziehung vielleicht einen Knacks bekommt und sie lacht. Aber sie lachte so hell und aufrichtig, nicht verspottend, dass ich tatsächlich mit einfiel. Sie nahm mich in den Arm und wir lachten beide bis uns die Tränen kamen.
Dann plötzlich nahm sie mich bei den Schultern und schob mich etwas von sich weg. Sie sah mir tief in die Augen und gab mir dann einen sehr innigen intensiven Kuß. "Beantwortet das deine Frage?"
"Na ja, etwas mehr hätte ich schon erwartet." Sie grinste mich an und ich merkte was ich da gesagt hatte. "Nein, nein", sagte ich schnell, "nicht davon, mehr Erklärung wäre schön." Ich grinste sie schief an: "Aber von dem anderen hätte ich dann auch noch gern mehr."
"Ok, du hast recht. Ich schulde dir eine Erklärung. Du hast nichts falsch gemacht. Ich habe dir von Anfang an gesagt, dass ich nicht auf einem Outing bestehe. Und wenn du dich vor deinen Kollegen nicht offenbaren möchtest, verstehe ich das sehr gut. Ich kann damit leben, dass unsere Liebe nur im geheimen blüht. Tu einfach, was du für richtig hälst. Ich bin nicht sauer, sorry, dein Gesicht sah aus, als ob du den Weltuntergang erwartet hättest." Sie lachte wieder., Diesmal lachte ich nicht mit und sagte nur schmollend: "Gar nicht."
Dann nahm sie mich wieder in den Arm und fing an meinen Hals mit ihren Lippen zu liebkosen. Ich spürte ihre weichen Lippen auf meiner Haut und ich bekam wieder Gänsehaut. Ihre Zungenspitze suchte sich den Weg hinter mein Ohrläppchen, ich mußte leise aufstöhnen. Innerlich war mir ein Stein vom Herzen gefallen, aber irgendwie hatte ich noch ein komisches Gefühl. Ich konnte es im Augenblick nicht definieren, wollte es auch gar nicht, denn Cassies Zunge erreichte gerade meinen Bauchnabel. Ich stützte mich mit den Händen am Küchentisch ab und beugte meinen Oberkörper nach hinten. Ihre Zunge wanderte immer tiefer und als sie kurz davor war meinen Slip beiseite zu schieben klingelte das Telefon. Zuerst nahm ich es gar nicht wahr, doch Cassie erstarrte in der Bewegung. Ich schaute zu ihr hinunter. Sie schaute zu mir hoch. "Mach weiter" hauchte ich. Sie lächelte und wollte da weitermachen wo sie aufgehört hatte, aber jetzt konnte ich mich nicht mehr konzentrieren. Das Telefon klingelte und klingelte. "Und wenn es etwas Wichtiges ist?" Ich schaute sie an. "Nichts ist wichtiger als du". "Das ist lieb von dir, aber was ist, wenn mit deinem Dad was ist? Du weißt, deine Mum wird sofort histerisch, wenn dein Vater wieder Probleme mit dem Herzen hat."
Ich seufzte, sie hatte natürlich recht. Cassie gab mir einen letzten Kuß auf meinen Venushügel und kam dann hoch. "Ich hole es schon, du kannst dich derweil wieder sammeln," sprachs, gab mir einen Kuß auf den Mund und verschwand lächelnd Richtung Wohnzimmer.
Ich nahm mir eine Tasse Kaffee, der war mitlerweile schon längst durchgelaufen, und versuchte, meine Gedanken zu ordnen.
Da kam Cassie mit dem Hörer am Ohr in die Küche zurück. "Das ist ja toll, wann soll es denn losgehen?" Sie zwinkerte mir zu. "Es ist deine Tante Hannah." Ich wedelte mit der Hand, sie solle mir doch den Hörer geben aber sie neckte mich und tat so, als wolle sie ihn nicht abgeben. "Fliegst du denn allein?" Endlich gelang es mir, ihr den Hörer abzunehmen. Gespielt verärgert gab ich ihr einen Klaps auf den Po.
"Hallo Hannah, wie geht es dir?"
"Hallo Sandy, mein Schatz. Danke, mir geht es gut. Und wie geht es euch?" Ich konnte ihr spitzbübisches Lächeln direkt vor mir sehen.
"Oh, äh, uns geht es gut."
"Habe ich euch gestört?"
"Ach, i wo, wir waren gerade dabei zu frühstücken." Ich zwinkerte Cassie zu. Sie quittierte das mit einem gespielt empörten Gesicht.
"Ist etwas passiert?" fragte ich meine Tante und hoffte, dass es nicht so war.
"Aber nein, muss denn immer erst etwas passieren, damit ich dich anrufen darf?"
"Nein, nein, so habe ich das nicht gemeint. Aber du warst doch letztes Wochenende bei Mum und Dad, hätte ja sein können, dass da etwas vorgefallen ist."
"Nein, deine Eltern sind so knochentrocken wie immer. Sorry, Liebling, aber ich kann meine Schwester einfach nicht verstehen. Sie ist so konservativ und voller Vorurteile, manchmal denke ich, sie ist vom Milchmann und nicht von unserem Vater."
"Hannah," rief ich gespielt empört in den Hörer, ich hatte solche Sprüche schon öfter von ihr gehört. Ich wußte ja, dass sie trotz allem meine Mutter liebte. Aber sie waren manchmal wie Hund und Katz´.
"Ist doch wahr." Kurze Pause.
"Nein, der Grund warum ich Anrufe. Ich habe dir doch bei meinem letzten Besuch über Mandy erzählt."
"Ähm, ja, deine Geschichte hat mich sehr berührt."
"Genau, und auch bei mir sind viele Emotionen wieder hochgekommen, die ich schon vergessen geglaubt hatte."
Ich konnte hören, wie sie einen Schluck trank.
"Nun, ich habe lange darüber nachgedacht."
Wieder eine kurze Pause. Ich wußte nicht, welche Überraschung mir jetzt bevorstand, aber ich war schon sehr gespannt.
Cassie gestikulierte vor mir herum und wollte mir so zeigen, dass sie jetzt duschen ginge. Ich nickte nur, nahm meine Schachtel Zigaretten, die Kaffeetasse und ging auf die Dachterrasse hinaus.
"Also," hörte ich wieder Hannah's Stimme, "um es kurz zu machen: ich werde nach Frankreich fliegen. Ganauer gesagt nach Paris. Ich werde Mandy suchen."
Stille. Am anderen Ende der Leitung genauso wie bei mir. Das mußte ich jetzt ersteinmal einige Sekunden sacken lassen.
"Hallo, bist du noch da? Hat es dir die Sprache verschlagen?"
"Ja, ich bin noch da. Ich überlege gerade ob ich das gut oder schlecht finden soll."
"Warum?"
"Na ja, seit dem ist viel Zeit vergangen. Wie willst du sie finden? Und, verzeih mir, aber woher willst du wissen ob sie noch lebt? War sie nicht um einiges älter als du?"
"Also, das hätte ich jetzt gerade von dir nicht erwartet. Ich dachte du freust dich für mich."
"Natürlich freue ich mich für dich. Wahrscheinlich ärgere ich mich gerade über mich selbst, dass ich nie so mutig war."
"Ach Süße, das kommt noch irgendwann. Setz dich nicht unter Druck. Wenn der Augenblick da ist, wirst du es schon wissen, und ab da an ist es dann um einiges leichter."
"Wann fliegst du denn? Hast du jemanden der dich begleitet?"
"Ich fliege in zwei Tagen und nein, ich fliege allein."
"Ach Hannah, was versprichst du dir davon?"
"Meinen Seelenfrieden".
Darauf konnte ich erstmal nichts mehr sagen. Sie erzählte mir dann noch wie ihre Anreise verlaufen würde und dass sie ja nichts erwarten würde. Sie wolle einfach Urlaub machen und das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. Und, wer weiß, vielleicht hätte sie ja Erfolg. Und wenn nicht, würde es wenigstens ein schöner Urlaub.
Ich wünschte ihr alles nur erdenklich Gute, dass sie finden möge was sie suche und rang ihr das Versprechen ab, dass sie mich auf jeden Fall auf dem Laufenden halten solle.
Ein wenig neugierig und ja, auch ein wenig aufgeregt, obwohl ich ja gar nicht selber flog, war ich dann doch.
Ich schickte ihr noch tausend Küsse durch die Leitung und legte dann auf.
Ein paar Augenblicke stand ich dann noch da und schaute auf die Silhouette der Stadt. Dann mußte ich plötzlich lächeln und ging wieder hinein.
Cassie stand noch unter der Dusche und ich beschloß ins Bad zu gehen und ihr alles zu erzählen.
Sie hörte mich hereinkommen. "Cassie, bist du das?" Ich mußte schmunzeln. "Wen hast du denn sonst erwartet?"
Sie ging nicht darauf ein. "Hast du Lust dazu zu kommen?" Mir lief ein wohliger Schauer über den Rücken.
Schnell entledigte ich mich meiner Kleider und öffnete die Tür zur Dusche. Ich schaute sie an und stieg in die Duschwanne. Sie war wunderschön. Ihr schlanker Körper glänzte feucht. Ihr lockiges Haar war auch nass kaum zu bändigen.
"Ich muß dir was erzählen, das glaubst du nicht."
Sie legte ihren Finger auf meinen Mund und flüsterte nur: "später". Und schon umschlossen ihre Lippen die meinen. Vom Inhalt des Anrufes meiner Tante habe ich ihr dann tatsächlich erst viel später erzählt.......


Kommentare, Anregungen und Grüße gern unter:

Sandy_Meier@ok.de 







Samstag, 17. August 2013

Kapitel 6: Das Ende der Geschichte



Ich war auf die Dachterrasse gegangen um zu rauchen, schaute dem Sonnenaufgang über New York zu und hing meinen Gedanken nach. Hannah war schon vor einiger Zeit ins Bett gegangen. Wir hatten fast die ganze Nacht geredet und sie war müde, was ich gut verstehen konnte. Sie hatte mir nicht nur das am besten gehütete Familiengeheimnis verraten, sondern mir auch ihre Seele offenbart. Sie hatte über lang verdrängte Gefühle gesprochen und obwohl sie mir versicherte, das es ihr gut ginge, hatte ich doch den Eindruck, daß es sie mitgenommen hatte. 
Das Ende der Geschichte war wenig spektakulär. Hannah hatte Mandy nie mehr wiedergesehen. Sie war nach Paris verschwunden und hatte ihr nichts hinterlassen. Hannah hatte die Vermutung, das Mandy glaubte, sie würde sich gegen den Umzug nach Paris entscheiden. So hatte sie ihr die Entscheidung abgenommen.
Das stimmte mich ein wenig traurig. Ich schaute auf die verblassenden Lichter der Stadt und dachte an Cassie. Ich hatte plötzlich so große Sehnsucht nach ihr, wie ein körperlicher Schmerz.
Ich nahm mein Handy und wählte ihre Nummer.
Es klingelte einige male, bis sich schließlich eine verschlafene Stimme am anderen Ende meldete.
"Hallo Schlafmütze." Pause. "Sandy, bist du das?" Ich musste lächeln. "Wen hast du denn sonst erwartet?"
Pause. Ich hörte Cassie herzhaft gähnen. "Hast du mal auf die Uhr geschaut? Es ist kurz vor fünf Uhr."
"Nein, sorry, habe ich nicht. Ich hatte plötzlich nur ein wahnsinnig großes Verlangen nach dir."
Pause. "Dann hättest du einfach vorbei kommen sollen." 
"Du ahnst ja nicht, wie gern ich das jetzt machen würde. Aber ich möchte Hannah nicht allein lassen. Wir haben bis vor einigen Minuten noch geredet. Ich kann es gar nicht abwarten, dir das alles zu erzählen."
"Süße, kann das bis Morgen warten? Ich würde jetzt gern weiterschlafen." Und nach einer kurzen Pause: "Da du ja doch nicht kommst." Ich konnte ihr verschmitztes Grinsen regelrecht vor meinem inneren Auge sehen. 
"Ja Süße, natürlich, bitte verzeih' mir, das ich dich geweckt habe. Wir sehen uns Morgen."
"Baby, du kannst mich jederzeit anrufen, das weißt du doch. Schlaf gut, bis Morgen."
"Schlaf du auch gut. Und träum was Schönes, vorzugsweise von mir." Ich legte auf. 
Ich ging wieder hinein und räumte die Gläser und den Wein weg. Dann musste auch ich herzhaft gähnen und ging zu Bett. Aber ich konnte nicht einschlafen. Hannah's Geschichte ging mir immer wieder durch den Kopf. Nach einiger Zeit fiel ich in einen Traumlosen Schlaf.

Am Morgen weckten mich Geräusche aus der Küche. Ich sah auf die Uhr an meinem Bett. 10.23 Uhr. Ich ließ mich stöhnend zurückfallen. Die Tür wurde vorsichtig geöffnet. Ich machte ein Auge auf und sah in Hannah's strahlendes Gesicht. "Guten Morgen Kleine! Hast du gut geschlafen? Ich hab Frühstück gemacht, komm, setz dich zu mir. Der Kaffee ist schon fertig." 
Ich ließ den Kopf wieder in die Kissen sinken und versuchte wach zu werden. Es wollte nicht so richtig gelingen. Also schwang ich meine Beine aus dem Bett und ließ langsam den Rest des Körpers folgen. Verschlafen und mit zerzausen Haaren schlurfte ich in die Küche.
"Guten Morgen Hannah."
"Guten Morgen mein Schatz. Wie geht es dir?"
Ich sah sie aus zusammengekniffenen Augen an. "Oha, so schlimm?"
"Wie ich sehe geht es dir richtig gut."
Hannah lachte ihr helles sympathisches Lachen und reichte mir einen Becher Kaffee.
Ich nahm den Kaffee und schlurfte an ihr vorbei. "Ich brauch jetzt erstmal eine Kippe dazu."
Hannah folgte mir mit einem Kaffee auf die Terrasse. Sie setzte sich neben mich. "Gib mir auch eine."
Ich schaute sie verdutzt an. "Seit wann rauchst du denn?"
Hannah grinste mich an. "Ach, Mädchen, glaubst du, ich habe in meinem Leben nur eine Dummheit begangen?"
Ich reichte ihr mein Päckchen Zigaretten und wir steckten uns beide eine an. Kaffee trinkend und rauchend saßen wir nebeneinander und schauten auf die Stadt.
"Mit der Dummheit meinst du, das du dich auf Mandy eingelassen hast, nicht wahr?"
Hannah schaute mich an. "Nein, die Dummheit war, das ich nichts unternommen habe, um sie wiederzufinden."
"Also hast du sie doch vermisst?"
"Und wie. Ich wusste am Anfang nicht wohin mit meinem Schmerz. Aber der Mensch gewöhnt sich an alles und Erinnerungen verblassen irgendwann. Doch letzte Nacht war wieder alles da. Als ob es erst gestern war. Es war wieder alles so real. Für mich sehr überwältigend."
"Es hat dich getroffen?" Ich zog an meiner Zigarette.
Hannah trank einen Schluck Kaffee und sah mich an.
"Nein, es hat gut getan endlich mit jemandem darüber zu reden."
Wir schwiegen eine Weile. Ich hatte noch so viele Fragen, doch ich wollte sie nicht überfordern.
Dann spürte ich ihren Blick auf mir ruhen. Ich sah sie an. "Dir brennt doch bestimmt noch etwas auf der Seele."
"Na ja, ein paar Fragen hätte ich da schon noch."
"Dann schieß doch einfach los."
"Bist du sicher?" "Aber ja. Es macht mir jetzt nichts mehr aus, darüber zu reden."
Ich schaute auf die Stadt und dachte an Cassie.
"Hattest du nach ihr noch andere Frauen?" Doch dann bekam ich ein mulmiges Gefühl. "Sorry, wenn ich zu direkt bin brauchst du mir nicht zu antworten."
Hannah lachte. "Wie du weißt, hat es mir noch nie etwas ausgemacht über schlüpfrige Dinge zu reden."
Ich musste auch lachen. "Ja, das stimmt. So eine coole Tante wie dich gibt es so schnell nicht wieder."
Sie nahm mich in den Arm und drückte mich ganz fest an sich. "Ach Kleine, ich hab dich wirklich lieb. Wir beide sind uns in gewissen Dingen so ähnlich." 
Ich musste lachen. "Und in einem ganz speziell." 
Ich steckte mir noch eine Zigarette an und bot auch Hannah eine an. Sie nahm sie und wir beide lachten Lauthals.
"Nun, um deine Frage zu beantworten, ja, ich hatte nach Mandy noch andere Frauen. Und es war jedesmal wieder neu und interessant. Leider war aber auch die eine oder andere dabei, na ja, darauf hätte ich gern verzichtet."
"Oh, glaub mir, das kenne ich." 
"Aber wie kam es, das du Onkel Jack geheiratet hast? Wenn du doch eigentlich auf Frauen standest. Sorry, stehst. Oder?"
"Ja, ich mag nach wie vor Frauen." Sie schaute auf die Stadt. Ich ließ sie in Ruhe nachdenken.
"Das mit deinem Onkel, das ist eine ganz andere Sache. Wie du weißt, sind deine Großeltern sehr konservativ, das hat deine Mutter übrigens von ihnen übernommen. Sie sind sehr religiös und aktiv in der Gemeinde in der sie wohnen. Na ja, um es kurz zu machen, als ich nach dem Studium wieder nach Hause kam, versuchte ich meinen Eltern klar zu machen, das ich anders war. Denn in ihren Augen war lesbisch sein eben anders sein." Hannah zog an ihrer Zigarette.
Sie setzten mich moralisch unter Druck und irgendwann gab ich nach. Ich ging den leichteren Weg. Heute würde ich es anders machen, aber damals war ich finanziell noch abhängig von meinen Eltern. Manchmal hasse ich mich dafür, das ich so feige war. Aber hinterher ist man ja immer schlauer. Deinen Onkel Jack kannte ich schon von der High School. Er war schon damals sehr an mir interessiert. Mit ihm hatte ich auch mein erstes Mal. Ich arrangierte mich mit dieser Ehe und war zufrieden, aber nie richtig glücklich."
Ich legte meinen Arm um sie. 
Hannah holte tief Luft. "Versteh' mich nicht falsch, Jack und ich hatten auch gute Zeiten. Nicht alles war schlecht. Aber ich habe ihn nie geliebt. Respektiert ja, gemocht auch, aber nie geliebt."
"War das nicht sehr belastend für dich?"
"Nun, am Anfang schon, aber es wurde besser mit der Zeit."
"Wusste Onkel Jack, das du nicht in ihn verliebt bist?"
"Ich denke er hat es irgendwann geahnt. Aber wir haben nie darüber gesprochen.  Wir haben uns gegenseitig respektiert und unterstützt. Das war ok für uns."
Ich räusperte mich und trank von meinem Kaffee. "Wie war das mit dem Sex?"
"Tja, das ist auch so eine Sache. Wir hatten am Anfang natürlich Sex. Das war ich ihm schuldig. Er hatte mich schließlich aus den Klauen meiner Eltern gerissen und er sah über meine Eskapaden mit anderen Frauen hinweg."
"Das hat er mitgemacht? Tante Hannah, da tun sich ja Abgründe auf." Ich lachte. Mein Gott, ich hatte ja wirklich keine Ahnung.
"So schlimm war ich ja auch nicht. Ich war sehr diskret, ich denke, das Jack nicht direkt etwas davon mitbekommen hat. Aber wie gesagt, ich denke, er ahnte etwas. Aber er war so verliebt in mich, das er damit leben wollte und wohl auch konnte. Manchmal hatte ich schon Gewissensbisse. Aber ich konnte halt nicht gegen meine Natur ankämpfen. So war es auch schön unverbindlich. Keine Fragen, kein klammern, unverbindlicher Sex und tschüss."
Ich schaute meine Tante an. Ihr Mund lächelte, aber ihre Augen sahen traurig aus.
"Und das hast du all die Jahre durchgehalten? Nicht mal als Onkel Jack im sterben lag habt ihr darüber gesprochen?"
"Halt mich bitte nicht für herzlos. Nein, ich habe an seinem Sterbebett gesessen, seine Hand gehalten bis er den letzten Atemzug getan hat und habe dann", .............geweint. Bis ich keine Tränen mehr hatte. Er war mir in all den Jahren ans Herz gewachsen, wie ein sehr guter Freund. Ich liebte ihn auf meine Weise und ich trauerte auf meine Weise."
Hannah wischte sich eine Träne aus dem Auge. Dann schaute sie mich an und lachte. "Ich hoffe, du denkst jetzt nicht schlecht von mir."
Ich legte beide Arme um sie und gab ihr einen Kuss auf die Wange. "Ich hab dich lieb Tante Hannah. Ich würde nie schlecht über dich denken. Meine Meinung ist: Jeder hat das Recht, seine eigenen Fehler und Erfahrungen zu machen."
"Du bist lieb."
Die Türklingel ging. Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen und schrak hoch.
"Das müsste Cassie sein. Ich hab sie angerufen und zum Frühstück eingeladen. Ich hoffe das war ok?"
"Woher hattest du denn ihre Nummer?" 
"Nicht nur du kannst ein Handy benutzen", meinte Hannah und zwinkerte mir zu.
Ich ging zur Tür und öffnete. Vor mir stand Cassie, so schön und frisch wie immer. Sie hatte eine rote Rose in der Hand und überreichte sie mir. 
"Die schönste Blume der Welt für die schönste Frau der Welt."
Mir wurde heiß, vor Verlegenheit. Wie kitschig und doch so romantisch.
Sie zog mich an sich und gab mir einen innigen Kuss. "Na du Nachtschwärmerin. Das nächste Mal, wenn du mich so früh wach machst, erwarte ich dich persönlich." Sie grinste mich verwegen an.
"Darauf kannst du dich verlassen. Komm doch erstmal rein, Hannah und ich haben schon mit dem Frühstück angefangen."
Wir setzten uns an den Tisch, frühstückten ausgiebig, schwatzten über Gott und die Welt, lachten viel und dann ging Hannah, um ihren Koffer zu packen. Cassie und ich würde sie heute zum Bahnhof bringen.

Während Hannah packte, hatte ich Cassie von der letzten Nacht berichtet. Als ich die Geschichte beendete sagte sie: "Deine Tante ist eine mutige Frau."
"Mutig? Sie findet, das sie feige gehandelt hat."
"Nein, es ist sehr mutig, auf die Liebe seines Lebens zu verzichten, nur um es anderen Leuten recht zu machen. Einige mögen vielleicht sagen, dass es der einfachste Weg für sie war, aber ich denke, daß es sie sehr viel Mut gekostet hat."
Ich dachte einen Moment nach. "Ja, wenn man es so betrachtet, hast du tatsächlich recht."
Cassie lächelte mich an. "Ich habe immer recht." Sie zwinkerte mir zu.
Am späten Nachmittag fuhren Cassie und ich meine Tante zur Central Station. Am Bahnsteig nahm sie mich noch einmal in die Arme, drückte mich fest und flüsterte mir so leise, das Cassie es nicht hören konnte, ins Ohr: "Warte nicht zu lange, deine Liebe zu Cassie auch öffentlich einzugestehen. Sonst passiert dir das Gleiche wie mir."
Sie hielt mich ein wenig von sich weg und sah mir in die Augen. "Sei nicht so feige wie ich." Ich sagte nichts und drückte sie stattdessen herzlich.
Meine Tante bestieg den Zug und suchte ihr Abteil. Sie öffnete das Fenster um uns zum Abschied zu winken.
Der Zug fuhr los und Cassie ergriff meine Hand. Und einem alten Impuls folgend entzog ich sie ihr sofort wieder. Schließlich waren wir hier ja in der Öffentlichkeit. Cassie sah mich von der Seite an, aber ich traute mich nicht ihren Blick zu erwiedern.
Der Zug entfernte sich aus dem Bahnhof und Cassie und ich gingen in Richtung des Ausgangs.
"Deine Tante ist wirklich eine coole Socke. Und eine mutige Frau."
"Wenn du es sagst." Ich war in Gedanken schon wieder ganz woanders.

Freitag, 15. Februar 2013

Kapitel 5: Tante Hannah's Geschichte

Wir saßen uns auf meiner Couch gegenüber, ein Glas Rotwein in der Hand und Hannah erzählte mir die Geschichte ihrer ersten Liebe zu einer Frau.
Hannah schaute nachdenklich auf ihr Glas. "Tja, wo soll ich anfangen? Es ist so viel Zeit vergangen. Aber ich erinnere mich immer noch, als ob es erst gestern war."

Es war der Tag vor meinem 21. Geburtstag. Wie du weißt, studierte ich damals hier in New York und jobbte in einem kleinen Cafe im Greenvich Village. 
Es war ein heißer Junimorgen, als ich mit der Arbeit begann. Sie betrat das Cafe ca. dreißig Minuten nachdem wir geöffnet hatten. Es waren Ferien, die meißten New Yorker flohen vor der Hitze, deshalb war nicht viel Betrieb.
Ich ging zu ihr rüber. "Guten Morgen, was darf ich ihnen bringen?"
Sie blickte auf und lächelte mich an. Ich hatte noch nie in so strahlend blaue Augen geblickt. Jedenfalls kam es mir so vor. Ihre roten Locken umspielten ihr Gesicht und ihr Lächeln war bezaubernd. Sie hatte Sommersprossen auf der Nase und den Wangen. 
"Das wäre alles, danke", sagte sie lächelnd und schaute mich an. Ich räusperte mich und stotterte:"E....e....entschuldigung, was sagten sie?"
"Ich hätte gern einen Kaffee und ein Croissant." Sie lächelte immer noch und ihre Augen strahlten wie der Himmel an diesem Junitag. "Äh, ja, danke. Ich bringe es sofort."
Ich kam mir so blöd vor. 
'Was ist denn los mit dir?' schalt ich mich selbst. Aber ich konnte nicht länger darüber nachdenken, denn an einem anderen Tisch rief man schon lautstark nach einer Bedienung.
 Nach einigen Minuten brachte ich ihr die Bestellung. Ich stellte den Kaffee und das Croissant auf den Tisch. "Danke", ohne von ihrem Buch aufzuschauen nahm sie das Croissant direkt vom Teller und biss herzhaft hinein. Ich blieb wohl einen Moment länger stehen als nötig war, denn sie schaute auf und sah mich mit fragendem Blick an. "Danke, das wäre dann erstmal alles."
"Äh, bitte, gern geschehen. Falls sie noch einen Wunsch haben, ich bin gleich dort drüben", ich deutete auf den Thresen. "Danke, gut zu wissen". Sie widmete sich wieder ihrem Buch.

Tante Hannah unterbrach ihre Erzählung. Sie schaute versonnen auf ihr Glas und drehte es in ihrer Hand.
Ich sagte nichts und wartete gespannt darauf, dass sie weiter erzählte. 

Das war unsere erste Begegnung an diesem Tag. Aber es sollte nicht die letzte sein. 
Der Tag war sehr heiß und ich kam ganz schön ins schwitzen. Als ich meine Arbeit kurz unterbrach um auf die Toilette zu gehen muß sie wohl das Cafe verlassen haben. Ich bemerkte es gar nicht sofort, da ich mich hinter dem Thresen zu schaffen machte. Als ich irgendwann aufsah und zu dem Tisch hinüberschaute, an dem sie gesessen hatte, war er leer. Irgendwie war ich enttäuscht, aber, was hatte ich denn erwartet? 
Meine Schicht endete gegen vierzehn Uhr. Ich verabschiedete mich von Lisa, meiner Ablösung und verließ das Lokal. Der Himmel hatte sich verdunkelt, es zog ein Gewitter auf. Aber ich mußte noch ein paar Bücher für mein Studium abholen, die ich in den Semesterferien durcharbeiten wollte.
Ich ging die 3rd Street Richtung 6th Avenue als es zu Donnern begann. Meine Schritte wurden schneller. Aber noch bevor ich die Bücherei erreichte, fing es an wie aus Eimern  zu schütten. 
Total durchnäßt stürzte ich regelrecht durch den Eingang des Geschäftes und rempelte eine alte Dame an. Ich endschuldigte mich bei ihr, aber sie schüttelte nur den Kopf, murmelte etwas vor sich hin und verließ den Laden. Da stand ich nun, pudelnass und verlegen.
Ich sah mich nach einer Verkäuferin um, die ich wegen meiner Bestellung ansprechen konnte, als ich plötzlich ein leises Lachen hinter mir hörte. Ich drehte mich in die Richtung, um zu sehen, wer sich da über mich lustig machte. 
Und da stand sie. Sie schaute mich direkt mit ihren stahlblauen Augen an.
"Hallo." Sie kam einen Schritt auf mich zu.
"Ha-Hallo." Mehr brachte ich nicht heraus. Jetzt konnte ich sie mir genauer ansehen. Ich schätzte sie auf mitte dreißig, später erfuhr ich, dass sie zweiundvierzig Jahre alt war. Sie hatte rotes gelocktes Haar und ein spitzbübisches Lächeln. Meine Knie wurden ganz weich. 
Sie kam noch einen Schritt auf mich zu. Regen tropfte mir von den Haaren, aber ich bemerkte es nicht. Meine Kleidung war völlig durchnäßt, doch ich spürte es nicht. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Dabei kannte ich diese Frau gar nicht. Ich kannte nicht ihren Namen, noch wer sie war oder wo sie herkam. Und doch hatte ich das Gefühl, als ob ich sie schon ewig kennen würde.

Tante Hannah nahm einen Schluck Wein. Ich hing an ihren Lippen und lauschte gespannt ihrer Geschichte.
"Was ist dann geschehen?" fragte ich leise und berührte sie sacht am Arm. Tante Hannah schaute mich an, ihre Augen schimmerten feucht. Aber sie atmete tief ein, lächelte mich an und erzählte weiter.
  
Wir schauten uns einige Sekunden lang an. Dann sagte sie: "Willst du hier etwas bestimmtes oder suchst du nur Schutz vor dem Regen?"
"Oh, ich wollte einige bestellte Bücher abholen", sagte ich und sah mich dabei suchend um. 
Da ich immer noch keine freie Verkäuferin ausmachen konnte wandte ich mich ihr wieder zu.
Lächelnd ergriff sie meine Hände. "Du bist klitsch nass."
Ich sah an mir herunter. "Ja, das ist wohl wahr." Ich sah sie an. Plötzlich mußten wir beide lachen.
Sie hatte ein so wundervolles Lachen, ich konnte gar nicht anders. Wir lachten und lachten und sie hielt dabei meine Hände. Die wenigen Kunden im Laden sahen uns teils amüsiert, teils verwirrt und teils pikiert an. Es war mir egal. Wir konnten gar nicht aufhören zu lachen. 
"Meine Damen, etwas ruhiger bitte," schalt uns eine Verkäuferin. 
Wir sahen beide zu ihr hinüber. 
"Komm", sagte sie zu mir, ließ eine Hand los und zog mich an der anderen aus dem Laden. Draußen regnete es immer noch Bindfäden. Wir liefen die Straße hinunter und lachten immer noch. Wir tanzten und hüpften  ausgelassen den Gehweg entlang.  Den Regen nahmen wir gar nicht wahr.
Sie strahlte mich an und rief mir zu: "ich bin Mandy". Wir blieben voreinander stehen. Sie sah mir in die Augen, wir standen ganz nah voreinander. Sie strich mir eine Strähne aus dem Gesicht und streichelte dabei meine Wange. "Ich bin Hannah", bekam ich raus und konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Und da küßte sie mich zum ersten Mal. Ganz zart berührten ihre Lippen die meinen. Dann schaute sie mich wieder an. In dem Moment war mir der Ort und die Menschen um uns herum völlig egal. Ob sie uns anstarrten, über uns lachten oder den Kopf schüttelten. Ich wollte es nicht wissen.
Und diesmal küßte ich sie. Zuerst ganz sacht, doch dann wurde mein Kuß fordernder.

Hannah  verstummte. Ich sah sie an. Sie schaute verträumt ins Nichts. Ich wartete eine Weile bevor ich sie ansprach. "Tante Hannah, ist alles in Ordnung?"
Sie schaute mich an, aber ich hatte das Gefühl, das sie in Wahrheit ganz weit weg war.
Dann wurde ihr Blick wieder klar. "Ach Kleines, es kommen so viel vergessen geglaubte Gefühle wieder hoch."
"Wenn es dir zu schwer fällt, kannst du mir die Geschichte ein anderes Mal weiter erzählen." Ich streichelte ihren Arm.
"Nein, es geht schon. Du sollst die ganze Geschichte erfahren." Sie lächelte mich an und nippte von ihrem Wein.

Sie führte mich zu ihrer Wohnung im Village. Es war ein kleines Atelier im vierten Stock. Wir liefen lachend die Treppen hinauf und zwischendurch hielten wir immer wieder an und küßten uns leidenschaftlich.
 Die Tür zu ihrem Atelier war nicht verschlossen, Mandy öffnete sie und schubste mich sanft hinein. Ich blieb ruhig stehen und konnte hören wie die Tür ins Schloss fiel
Der Raum war hell, mit einem großen Dachfenster unter der eine Staffelei stand. Im vorderen Bereich war eine Kochnische mit Theke und zwei Barhockern. Im hinteren Bereich stand, etwas erhöht, ihr Bett. Es wurde von einer Patchworkdecke und vielen Kissen verziert.Sie kam zu mir und umfaßte mich von hinten.
Ich schmiegte mich an sie und umfaßte ihre Arme.
"Du fühlst dich ganz kalt an, soll ich dir einen Tee machen?"
Langsam drehte ich mich zu ihr um und sah ihr in die stahlblauen Augen. Ich strich ihr über die Haare, über ihr Gesicht und ihren Hals. Mandy hatte die Augen geschlossen.
"Alles was ich möchte bist du". Hatte ich das gesagt? Ich war über meine Direktheit erschrocken. Aber Mandy weckte etwas in mir, das ich noch nie bei einer Frau mit solcher Intensität erfahren hatte. Ich begehrte sie, ein Gefühl das nicht ganz neu für mich war. Aber bisher hatte ich mich nie getraut auch den letzten Schritt zu machen. Mandy wollte ich ganz und zwar hier und jetzt.

Hannah sah mich an: "Ich möchte dich mit den intimen Details verschonen. Nur so viel: es war eine sehr stürmische Nacht. Und damit meine ich nicht das Gewitter."
"Hattest du keine Angst, es war doch das erste Mal, dass du mit einer Frau zusammen warst?"
"Nein, es war alles so selbstverständlich. Sie öffnete die Tür zu einer neuen Welt für mich und ich trat hindurch."
"Das muss aufregend für dich gewesen sein."
"Du hast ja keine Ahnung wie aufregend. Aber es war auch wunderschön."
"Was geschah am Morgen danach? Ist ja manchmal knifflig diese Situation."
Tante Hannah lächelte und erzählte weiter:

Wir kamen erst bei Sonnenaufgang zum schlafen. Ich erwachte durch die Sonnestrahlen die mein Gesicht streichelten. Zuerst mußte ich mich kurz orientieren, doch dann fiel mir alles wieder ein.
Ich mußte lächeln. Mandy hatte einen Arm um mich gelegt und sich eng an mich geschmiegt. Ich wagte nicht mich zu bewegen, aus Angst, sie aufzuwecken.
Doch ich mußte zur Toilette, also hatte ich keine Wahl. Ich nahm ganz sanft ihren Arm und schlüpfte aus dem Bett. Vorsichtig schlich ich in Richtung Bad als ich hinter mir ein Rascheln hörte.
"Guten Morgen", murmelte Mandy. Ich sah mich um. Sie sah so zauberhauft aus, mit ihren zerwühlten Haaren die ihr wie wild vom Kopf standen. Mit ihrem halb verschlafenen Blick und dem süßen Lächeln auf ihren vollen Lippen.
"Guten Morgen", antwortete ich und lächelte zurück. "Bin sofort wieder da." Was sollte das denn? Was Blöderes fiel mir wohl nicht ein. Ich drehte mich um und verschwand schnell ins winzige Bad.
Als ich auf dem Klo saß, ließ ich die Nacht nocheinmal Revue passieren. Die Erinnerungen an die vergangenen Stunden erregte mich wieder. Und plötzlich fiel mir noch etwas ein. Ich mußte lächeln.
Als ich aus dem Bad kam hatte sie sich halb im Bett aufgerichtet und sah mich an. Ihre Wangen waren noch immer gerötet. Sie öffnete die Arme: "Komm zu mir Engel".
Ich ging zu ihr, blieb vor dem Bett stehen und sah sie an. "Was ist Baby?" fragte sie mich und ergriff meine Hand.
"Es ist alles in Ordnung. Mir ist nur gerade etwas eingefallen."
Mandy sah mich auffordernd an: "Nämlich?"
"Heute ist mein 21. Geburtstag", sagte ich und sah sie an.
Mandy kniete sich auf das Bett, so dass wir auf Augenhöhe waren. 
"Na dann Engel, alles Liebe zum Geburtstag."
Sie nahm mich in den Arm und küßte mich leidenschaftlich. Als wir voneinander ließen schauten wir uns an und wir mußten biede lachen. Wir lachten, vielen auf das Bett zurück und machten da weiter, wo wir am frühen Morgen aufgehört hatten.

Ich war so fasziniert, dass ich gar nicht merkte wie die Zeit verging. Meine Lieblingstante machte eine Pause und schaute mich an.
"Wie ging es weiter mit euch? Hast du sie wiedergesehen?"
Hannah lachte. "Langsam Kleines, ich erzähle dir auch noch den Rest, aber zunächst muss ich erstmal auf die Toilette."
Ich konnte es kaum erwarten das Ende der Story zu hören.
Als sie im Bad verschwunden war, ging ich auf die Dachterrasse um eine Zigarette zu rauchen.
Die Geschichte hatte mich völlig in ihren Bann gezogen. Ich hatte ja gar keine Ahnung was meine Tante in jüngeren Jahren erlebt hatte. Sie war immer so wage gewesen, wenn ich sie nach ihrer Studienzeit in New York gefragt hatte. 
 Es war sehr faszinierend, aber auch ein wenig traurig, schließlich wußte ich ja, dass es kein Happy End geben würde.
Ich zog an meiner Zigarette und schaute auf die Lichter New Yorks. Ich mußte an Cassie denken, die jetzt in ihrem Bett lag und hoffentlich von mir träumt.  
Ich hörte Hannah aus dem Bad kommen und auf die Terrasse treten. Sie stellte sich neben mich und wir schauten beide auf die Stadt die niemals schläft.
Ich schaute sie von der Seite an, sie machte einen traurigen Eindruck.
"Geht es dir gut Hannah?"
Sie schaute mich an und lächelte: "Aber ja, nur haben mich die Erinnerungen doch mehr getroffen, als ich gedacht hatte. Aber es tut gut, darüber zu reden. Ich habe so lange geschwiegen und bin so froh, dass ich es endlich jemandem erzählen kann. Und das du es bist ist noch viel schöner."
Ich nahm sie in die Arme. So blieben wir ein paar Augenblicke stehen bis sie sagte: "Es ist doch ein wenig kühl hier draußen, laß uns wieder reingehen, dann erzähle ich dir das Ende der Geschichte."
Wir gingen wieder ins Wohnzimmer und setzten uns auf die Couch. Nachdem wir beide von unserem Rotwein getrunkenn hatten erzählte sie weiter.

Mandy und ich trafen uns nach dieser Nacht regelmäßig. Wir hatten einen tollen Sommer. Sie stellte mir ihre Freunde aus dem Village vor und wir waren fast jedes Wochenende auf einer anderen Party.
Da der Sommer sehr heiß war, verbrachten wir die Tage, wenn ich nicht arbeiten mußte, in ihrem Atelier. Dort war es schön kühl, aber nur die Raumtemperatur. Zwischen uns beiden lief es ganz schön heiß. Wir liebten uns zu jeder Gelegenheit. Es war der beste Sommer, den ich je erlebt hatte und erleben würde. 
Wir besuchten Ausstellungen, gingen auf Vernissagen, plauderten mit ihren Nachbarn auf der Straße und in den kühlen Nächten, wenn wir nicht gerade mit Sex beschäftigt waren, saßen wir auf der Treppe vor ihrem Haus, rauchten, plauderten und genossen das Leben.
Sie half mir bei meinem Stoff für das Studium und lehrte mich Dinge, die ich ohne sie vielleicht nie herausgefunden hätte. 
Allerdings lief unsere Liebe im verborgenen ab, für ihre Freunde waren wir nur gute Freundinnen, obwohl ich nicht weiß, ob sie uns das abgekauft haben. 
Sie machte keinen Hehl daraus, dass sie lesbisch war. 
Sie erzählte mir, dass sie schon oft deswegen verbal und einige Male auch tätlich angegriffen worden war. Aber sie wollte sich nicht verstecken. 
Sie sagte immer zu mir: "Wer bin ich denn, wenn ich nicht sein kann wie ich bin? Jeder Mensch sollte so leben, wie es ihm gefällt. Ich würde nur mich selbst belügen und damit könnte ich nicht leben."
Meine Gefühle für sie wurden immer stärker, je mehr Zeit wir miteinander verbrachten. 
Ich bewunderte sie und schaute zu ihr auf, aber sie behandelte mich wie eine Ebenbürtige, obwohl ich so naiv und unsicher war. Sie gab mir das Gefühl, Jemand zu sein. Und mit ihr an meiner Seite hätte ich die Welt aus den Angeln heben können. 
Allerdings konnte ich eine Sache nie tun, ich konnte mich nicht outen. Ich hatte zu viel Angst, dass meine Familie es herausfinden und nicht akzeptieren könnte.
Meine Eltern waren sehr gläubig und sehr aktiv in der Gemeinde in der sie wohnten und wenn herausgekommen wäre, dass eine ihrer Töchter auf Frauen stand, dann wäre das eine totale Katastrophe für sie gewesen. Ihre Welt wäre zusammengebrochen.
Mandy beteuerte immer, dass es ihr nichts ausmache, aber ich doch darüber nachdenken solle. Ich könne mich schließlich nicht immer hinter Normalität verstecken. Entweder käme es irgendwann doch durch einen dummen Zufall heraus oder ich würde schöne Gelegenheiten verpassen, nur weil ich nicht ehrlich zu mir selbst sei.
Ich schob den Gedanken beiseite und redete mir ein, dass es doch ganz gut zwischen uns lief. Also warum sollte ich mich dann irgendwelchen Unannehmlichkeiten aussetzen, nur weil ich mich in eine Frau verliebt hatte.
Ja, ich war verliebt und zwar bis über beide Ohren. 
Aber irgendwann geht auch der schönste Sommer vorbei. Es wurde kühler und ich mußte wieder zur Uni. Von da an sahen wir uns nicht mehr so häufig.
Es tat mir zwar weh, sie nicht mehr so oft treffen zu können, aber mein Lernpensum war enorm und ich trat auch noch einigen Lernkreisen bei, so dass ich kaum noch Zeit für sie hatte.

Hannah schwieg. Ich war so versunken in ihre Erzählung, dass ich es erst gar nicht merkte. Doch dann schaute ich auf und sah, dass ihr eine Träne die Wange herunterlief.
Ich sah sie an, schwieg aber. 
Hannah wischte sich die Träne mit dem Handrücken ab, lächelte mich an und erzählte weiter.

Es war eine verrückte Zeit. Ich bekam so viele neue Eindrücke, zudem war ich das allererte Mal in eine Frau verliebt, doch diese Liebe blühte nur im geheimen.
Wenn ich sie jemandem vorstellte war sie nur eine gute, eine sehr gute, Freundin. Ich war mit dieser Situation zufrieden und auch Mandy hatte mir immer wieder beteuert, dass es so in Ordnung für sie wäre. Allerdings ließ sie aber auch keinen Zweifel daran, dass es für uns beide schöner wäre, wenn ich mich endlich dazu bekennen würde, dass ich Frauen liebe.
Ja, ich gab ihr recht, aber ich fühlte mich einfach noch nicht bereit dazu. 
Dann kam der Abend, an dem sie mir erzählte, dass sie nach Paris gehen wolle.
Wir saßen in ihrem Atelier, nachdem wir uns lange und zärtlich geliebt hatten, an ihrem Küchentisch gegenüber. Sie hatte uns einen Tee gemacht. Ich hatte die Beine angezogen und nippte an meiner Tasse, als sie mir plötzlich fest in die Augen sah.
"Hannah, ich muß dir etwas sagen. Einen Vorschlag machen."
Ich sah sie erwartungsvoll an. 
Sie spielte mit ihrer Tasse, schob sie hin und her und schien die richtigen Worte zu suchen.
"Ich habe eine alte Freundin, die in Paris wohnt." Pause
Ich wartete, dass sie weiter erzählte. Irgendwie war ich auf diese alte Freundin eifersüchtig, konnte aber nicht sagen warum.
"Sie hat mir geschrieben und mich eingeladen sie in Paris zu besuchen."
Sie schaute mich nun an.
"Und ich möchte diese Einladung annehmen. Dort könnte ich meine Kunst noch verbessern, neue Kontakte knüpfen und, na ja, vielleicht ein neues Leben beginnen."
"Was ist denn an diesem Leben falsch?" fragte ich und sah sie an. Mein Gott, war ich damals noch naiv.
"Oh, nichts, schon gar nicht, seit ich dich kenne. Aber ich hätte dort viel bessere Möglichkeiten Recherchen zu meinem Buch zu machen. Du weißt, mein Buch spielt im Frankreich des zweiten Weltkrieges. Ich könnte direkt vor Ort Nachforschungen anstellen und Interviews führen. Und,"
Pause
Sie räusperte sich: "Ich dachte, vielleicht hast du Lust mich zu begleiten. Dort wären wir weit weg von allem und du hättest dann vielleicht den Mut, dich zu dir zu bekennen."
"Ach, darum geht es also? Du möchtest, dass ich mich zu dir bekenne? Und weil ich es hier bisher noch nicht getan habe möchtest du, dass wir nach Europa gehen? Denkst du, das würde alles ändern? Ich dachte, es macht dir nichts aus wenn wir uns in der Öffentlichkeit nur als gute Freundinnen bezeichnen?"
"Nein, Hannah, so meine ich das doch nicht. Es wäre wirklich eine Chance für mich und ich möchte sehr gern, dass du mitkommst. Ob nun als gute Freundin oder als geliebte Frau. Das ist mir egal, ich möchte dich doch nur bei mir haben."
Ich sprang auf. "Sorry Mandy, aber das muß ich mir erst noch einmal gründlich überlegen. Ich kann doch nicht hier alles stehen und liegen lassen und einfach abhauen."
"Hannah, was läßt du denn hinter dir? Dein Studium kannst du in Paris genauso weiterführen und Familie hast du in New York nicht."
Mir stiegen die Tränen in die Augen, aber ich wollte nicht weinen. Ich drehte mich um, zog meine Hosen an und ging Richtung Tür.
"Sei mir nicht böse Mandy, aber ich muß jetzt gehen. Ich schreibe Morgen eine wichtige Klausur und ich muß noch dafür lernen."
Ich traute mich nicht sie anzusehen, aus Angst nicht den Mut aufzubringen und zur Tür hinaus zu gehen.
"Hannah, sieh mich an." Mandy kam hinter mir her und faßte meinen Arm. Nun mußte ich sie ansehen.
Als ich in ihre Augen sah erschrak ich. In ihrem Blick lag so etwas wie Trauer, Sehnsucht und, ja, was war es noch? Da konnte ich es noch nicht deuteten, aber ein paar Tage später wußte ich, dass es die Gewißheit eines Abschiedes war.
"Mandy, ich verspreche dir, darüber nachzudenken. Wir sehen uns Morgen, ok?"
Ich drückte ihr noch schnell einen Kuß auf die Wange und wollte los. Doch sie hielt mich fest. Ich mußte mich noch einmal zu ihr umdrehen und in ihre Auge sehen. Ich lächelte. Sie lächelte mit traurigen Augen zurück.
Dann verließ ich das Atelier, das Atelier in dem wir so viel Spaß hatten. In dem ich zum ersten Mal die Zärtlichkeiten einer Frau erfahren hatte. 

"Wenn ich damals gewußt hätte, dass ich Mandy zum letzten Mal gesehen habe, wäre ich vielleicht geblieben. Hätte ich mich vielleicht länger mit ihr unterhalten und sie vielleicht nicht so vor den Kopf gestoßen."
Ich schaute Hannah an und nippte an meinem Wein: "Das sind aber ganz schön viele 'vielleichts'."
Hannah sah auf. Sie lächelte mich an. "Da hast du wohl recht. Aber im nachhinein ist man ja immer schlauer."
"Aber was ist dann passiert?"
"Nun, ich möchte dich nicht mit langen Details langweilen."
"Die Geschichte ist alles andere als langweilig."
Hannah strich sich mit der Hand durch ihr kurzes Haar.

Nun, wie es der Zufall wollte hatte ich am darauffolgenden Tag keine Zeit für sie. Ich schrieb wirklich eine Klausur und mußte noch arbeiten. Auch an den folgenden drei Tagen fand ich keine Zeit mich mit ihr auszusprechen. Vielleicht hatte ich auch einfach nur Angst vor dem Gespräch mit ihr. Ich war hin und her gerissen bei dem Gedanken nach Paris zu gehen. So viele Freunde und Studienkollegen träumten davon und ich hatte jetzt die Gelegenheit dazu und dann noch mit der Frau, die ich liebte. Alles hätte so perfekt sein können, wenn ich nicht so feige gewesen wäre.
Nun ja, nachdem ich mir dann endlich ein Herz gefaßt hatte, aber immer noch nicht wirklich wußte, was ich wollte, ging ich zu ihr. Ich klingelte unten an der Tür, aber niemand machte auf. Ich klingelte wieder und wieder. 
Zuerst dachte ich, sie sei ausgegangen. Doch als ich nach einigen Tagen immer noch nichts von ihr gehört hatte, machte ich mir ernsthaft Sorgen.




 

Montag, 21. Mai 2012

Feigling

Ich war Heute wieder in dem neuen Bistro.
Ich mußte sie unbedingt wiedersehen. In der letzten Nacht habe ich kaum geschlafen. Immer wieder sah ich ihr Gesicht vor mir. Ihr wunderschönes Lächeln, ihr langes blondes Haar, ihre stahlblauen Augen.
Bei der Arbeit konnte ich mich nicht wirklich konzentrieren.
Gott sei Dank hatten wir Heute den ganzen Tag eine Teambesprechung, da konnte ich meine Gedanken schweifen lassen.
Aber endlich war es so weit. Feierabend. Ich nahm meine Jeansjacke, hing mir meine Tasche um und lief fast aus dem Büro.
Einige meiner Arbeitskolleginnen wollten auf einen Drink mit mir in die Stadt, aber ich dankte freundlich ab. Nein, der Abend sollte nur ihr gehören.
Ich war so voller Erwartung, konnte es kaum erwarten sie zu sehen. Ich stieg in die U-Bahn. 5 Stationen mußte ich fahren. Meine Ungeduld wurde immer größer, gleichzeitig stieg aber auch ein Gefühl in mir hoch, ein Gefühl der Unsicherheit. Hoffentlich arbeitet sie Heute auch, hoffentlich nimmt sie mich überhaupt wahr.
Meine Hände waren schweißnass.
Endlich, die letzte Haltestation. Ich stürmte förmlich aus dem Waggon, reihte mich in die Menschenmenge ein und lief, so schnell es eben ging, die Treppe hinauf.
Nur noch zwei Häuserblocks, und schon stand ich vor dem neuen Bistro "Lucky".
Ich blieb einen Moment draußen vor der Tür stehen um Luft zu holen. Ich versuchte schon einen Blick auf sie zu erhaschen, doch ich sah sie nicht. Ich bekam einen Schreck. Vielleicht hatte sie Heute frei.
Ich atmete einmal tief durch und betrat dann das Lokal und ließ meinen Blick in die Runde schweifen.
NICHTS. Sie war nirgends zu sehen. Ich konnte es nicht fassen.
"Keine Panik, Sandy. Sie ist vielleicht im Büro oder im Keller um Nachschub zu holen", sagte ich zu mir.
Hinter der Theke stand Heute eine andere Frau. Ich setzte mich auf einen Hocker und winkte sie zu mir herüber.
"Was darf es sein?", fragte sie mich freundlich und ich bestellte einen Milchkaffee.
Nach einigen Minuten stellte sie das gewünschte vor mir auf die Theke. Sie lächelte mich an und fragte mich: "Darf es sonst noch etwas sein?" Dabei hatte ich das Gefühl, dass sie mir zuzwinkerte.
"Nein, danke, im Augenblick nicht."
Ich nippte an meinem Kaffee und lies meinen Blick immer wieder durch das Lokal schweifen.
Nach ca. 30 Minuten war sie immer noch nicht aufgetaucht. Da stand die nette Bedienung wieder vor mir: "Entschuldige bitte, aber ich habe den Eindruck, dass du etwas oder jemanden suchst?"
Ein paar Sekunden überlegte ich, doch dann entschied ich mich dagegen, sie nach ihrer Kollegin zu fragen.
"Ähm, nein, ich staune nur, was aus den alten Räumen noch rausgeholt werden konnte. Das hätte ich nicht gedacht."
"Ja, ist echt toll geworden. Bist du das erste Mal hier?"
"Nein, ich war Gestern schon einmal hier, nach Feierabend. Da war deine Kollegin hier."
"Ja, Gestern hatte ich frei, da hat Nadine mich vertreten."
Ich schluckte. NADINE! Was für ein wundervoller Name.
"Ja, stimmt, ist sie Heute nicht da?"
"Doch, sie ist nur zum Großhandel um einige Besorgungen zu machen."
"Ach so."
Ich versuchte so uninteressiert wie möglich zu wirken, aber sie hatte mich schon durchschaut.
"Kennst du Nadine näher?"
"Nein, nein, ich habe sie gestern zum ersten Mal gesehen." Mein Gott, ich wurde ja rot, das war mir ja schon ewig nicht mehr passiert. Ich schaute weg und hoffte, dass sie es nicht bemerken würde.
In diesem Moment kam eine Gruppe von jungen Männern an die Theke um zu bezahlen. Sie schaute mich an, kniff mir ein Auge zu und drehte sich dann von mir weg.
Ich war unentschlossen, was ich tun sollte. Sollte ich warten oder einfach gehen. Offensichtlich hatte Nadine's Kollegin ein Auge auf mich geworfen.
Ich entschloß mich nach Hause zu gehen.
Enttäuscht, allein und sauer auf mich selbst bestieg ich wieder die U-Bahn und fuhr nach Hause.
Morgen ist auch noch ein Tag. Aber heute Nacht werde ich wieder nicht schlafen können.
Wie dumm von mir.