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Samstag, 17. August 2013

Kapitel 6: Das Ende der Geschichte



Ich war auf die Dachterrasse gegangen um zu rauchen, schaute dem Sonnenaufgang über New York zu und hing meinen Gedanken nach. Hannah war schon vor einiger Zeit ins Bett gegangen. Wir hatten fast die ganze Nacht geredet und sie war müde, was ich gut verstehen konnte. Sie hatte mir nicht nur das am besten gehütete Familiengeheimnis verraten, sondern mir auch ihre Seele offenbart. Sie hatte über lang verdrängte Gefühle gesprochen und obwohl sie mir versicherte, das es ihr gut ginge, hatte ich doch den Eindruck, daß es sie mitgenommen hatte. 
Das Ende der Geschichte war wenig spektakulär. Hannah hatte Mandy nie mehr wiedergesehen. Sie war nach Paris verschwunden und hatte ihr nichts hinterlassen. Hannah hatte die Vermutung, das Mandy glaubte, sie würde sich gegen den Umzug nach Paris entscheiden. So hatte sie ihr die Entscheidung abgenommen.
Das stimmte mich ein wenig traurig. Ich schaute auf die verblassenden Lichter der Stadt und dachte an Cassie. Ich hatte plötzlich so große Sehnsucht nach ihr, wie ein körperlicher Schmerz.
Ich nahm mein Handy und wählte ihre Nummer.
Es klingelte einige male, bis sich schließlich eine verschlafene Stimme am anderen Ende meldete.
"Hallo Schlafmütze." Pause. "Sandy, bist du das?" Ich musste lächeln. "Wen hast du denn sonst erwartet?"
Pause. Ich hörte Cassie herzhaft gähnen. "Hast du mal auf die Uhr geschaut? Es ist kurz vor fünf Uhr."
"Nein, sorry, habe ich nicht. Ich hatte plötzlich nur ein wahnsinnig großes Verlangen nach dir."
Pause. "Dann hättest du einfach vorbei kommen sollen." 
"Du ahnst ja nicht, wie gern ich das jetzt machen würde. Aber ich möchte Hannah nicht allein lassen. Wir haben bis vor einigen Minuten noch geredet. Ich kann es gar nicht abwarten, dir das alles zu erzählen."
"Süße, kann das bis Morgen warten? Ich würde jetzt gern weiterschlafen." Und nach einer kurzen Pause: "Da du ja doch nicht kommst." Ich konnte ihr verschmitztes Grinsen regelrecht vor meinem inneren Auge sehen. 
"Ja Süße, natürlich, bitte verzeih' mir, das ich dich geweckt habe. Wir sehen uns Morgen."
"Baby, du kannst mich jederzeit anrufen, das weißt du doch. Schlaf gut, bis Morgen."
"Schlaf du auch gut. Und träum was Schönes, vorzugsweise von mir." Ich legte auf. 
Ich ging wieder hinein und räumte die Gläser und den Wein weg. Dann musste auch ich herzhaft gähnen und ging zu Bett. Aber ich konnte nicht einschlafen. Hannah's Geschichte ging mir immer wieder durch den Kopf. Nach einiger Zeit fiel ich in einen Traumlosen Schlaf.

Am Morgen weckten mich Geräusche aus der Küche. Ich sah auf die Uhr an meinem Bett. 10.23 Uhr. Ich ließ mich stöhnend zurückfallen. Die Tür wurde vorsichtig geöffnet. Ich machte ein Auge auf und sah in Hannah's strahlendes Gesicht. "Guten Morgen Kleine! Hast du gut geschlafen? Ich hab Frühstück gemacht, komm, setz dich zu mir. Der Kaffee ist schon fertig." 
Ich ließ den Kopf wieder in die Kissen sinken und versuchte wach zu werden. Es wollte nicht so richtig gelingen. Also schwang ich meine Beine aus dem Bett und ließ langsam den Rest des Körpers folgen. Verschlafen und mit zerzausen Haaren schlurfte ich in die Küche.
"Guten Morgen Hannah."
"Guten Morgen mein Schatz. Wie geht es dir?"
Ich sah sie aus zusammengekniffenen Augen an. "Oha, so schlimm?"
"Wie ich sehe geht es dir richtig gut."
Hannah lachte ihr helles sympathisches Lachen und reichte mir einen Becher Kaffee.
Ich nahm den Kaffee und schlurfte an ihr vorbei. "Ich brauch jetzt erstmal eine Kippe dazu."
Hannah folgte mir mit einem Kaffee auf die Terrasse. Sie setzte sich neben mich. "Gib mir auch eine."
Ich schaute sie verdutzt an. "Seit wann rauchst du denn?"
Hannah grinste mich an. "Ach, Mädchen, glaubst du, ich habe in meinem Leben nur eine Dummheit begangen?"
Ich reichte ihr mein Päckchen Zigaretten und wir steckten uns beide eine an. Kaffee trinkend und rauchend saßen wir nebeneinander und schauten auf die Stadt.
"Mit der Dummheit meinst du, das du dich auf Mandy eingelassen hast, nicht wahr?"
Hannah schaute mich an. "Nein, die Dummheit war, das ich nichts unternommen habe, um sie wiederzufinden."
"Also hast du sie doch vermisst?"
"Und wie. Ich wusste am Anfang nicht wohin mit meinem Schmerz. Aber der Mensch gewöhnt sich an alles und Erinnerungen verblassen irgendwann. Doch letzte Nacht war wieder alles da. Als ob es erst gestern war. Es war wieder alles so real. Für mich sehr überwältigend."
"Es hat dich getroffen?" Ich zog an meiner Zigarette.
Hannah trank einen Schluck Kaffee und sah mich an.
"Nein, es hat gut getan endlich mit jemandem darüber zu reden."
Wir schwiegen eine Weile. Ich hatte noch so viele Fragen, doch ich wollte sie nicht überfordern.
Dann spürte ich ihren Blick auf mir ruhen. Ich sah sie an. "Dir brennt doch bestimmt noch etwas auf der Seele."
"Na ja, ein paar Fragen hätte ich da schon noch."
"Dann schieß doch einfach los."
"Bist du sicher?" "Aber ja. Es macht mir jetzt nichts mehr aus, darüber zu reden."
Ich schaute auf die Stadt und dachte an Cassie.
"Hattest du nach ihr noch andere Frauen?" Doch dann bekam ich ein mulmiges Gefühl. "Sorry, wenn ich zu direkt bin brauchst du mir nicht zu antworten."
Hannah lachte. "Wie du weißt, hat es mir noch nie etwas ausgemacht über schlüpfrige Dinge zu reden."
Ich musste auch lachen. "Ja, das stimmt. So eine coole Tante wie dich gibt es so schnell nicht wieder."
Sie nahm mich in den Arm und drückte mich ganz fest an sich. "Ach Kleine, ich hab dich wirklich lieb. Wir beide sind uns in gewissen Dingen so ähnlich." 
Ich musste lachen. "Und in einem ganz speziell." 
Ich steckte mir noch eine Zigarette an und bot auch Hannah eine an. Sie nahm sie und wir beide lachten Lauthals.
"Nun, um deine Frage zu beantworten, ja, ich hatte nach Mandy noch andere Frauen. Und es war jedesmal wieder neu und interessant. Leider war aber auch die eine oder andere dabei, na ja, darauf hätte ich gern verzichtet."
"Oh, glaub mir, das kenne ich." 
"Aber wie kam es, das du Onkel Jack geheiratet hast? Wenn du doch eigentlich auf Frauen standest. Sorry, stehst. Oder?"
"Ja, ich mag nach wie vor Frauen." Sie schaute auf die Stadt. Ich ließ sie in Ruhe nachdenken.
"Das mit deinem Onkel, das ist eine ganz andere Sache. Wie du weißt, sind deine Großeltern sehr konservativ, das hat deine Mutter übrigens von ihnen übernommen. Sie sind sehr religiös und aktiv in der Gemeinde in der sie wohnen. Na ja, um es kurz zu machen, als ich nach dem Studium wieder nach Hause kam, versuchte ich meinen Eltern klar zu machen, das ich anders war. Denn in ihren Augen war lesbisch sein eben anders sein." Hannah zog an ihrer Zigarette.
Sie setzten mich moralisch unter Druck und irgendwann gab ich nach. Ich ging den leichteren Weg. Heute würde ich es anders machen, aber damals war ich finanziell noch abhängig von meinen Eltern. Manchmal hasse ich mich dafür, das ich so feige war. Aber hinterher ist man ja immer schlauer. Deinen Onkel Jack kannte ich schon von der High School. Er war schon damals sehr an mir interessiert. Mit ihm hatte ich auch mein erstes Mal. Ich arrangierte mich mit dieser Ehe und war zufrieden, aber nie richtig glücklich."
Ich legte meinen Arm um sie. 
Hannah holte tief Luft. "Versteh' mich nicht falsch, Jack und ich hatten auch gute Zeiten. Nicht alles war schlecht. Aber ich habe ihn nie geliebt. Respektiert ja, gemocht auch, aber nie geliebt."
"War das nicht sehr belastend für dich?"
"Nun, am Anfang schon, aber es wurde besser mit der Zeit."
"Wusste Onkel Jack, das du nicht in ihn verliebt bist?"
"Ich denke er hat es irgendwann geahnt. Aber wir haben nie darüber gesprochen.  Wir haben uns gegenseitig respektiert und unterstützt. Das war ok für uns."
Ich räusperte mich und trank von meinem Kaffee. "Wie war das mit dem Sex?"
"Tja, das ist auch so eine Sache. Wir hatten am Anfang natürlich Sex. Das war ich ihm schuldig. Er hatte mich schließlich aus den Klauen meiner Eltern gerissen und er sah über meine Eskapaden mit anderen Frauen hinweg."
"Das hat er mitgemacht? Tante Hannah, da tun sich ja Abgründe auf." Ich lachte. Mein Gott, ich hatte ja wirklich keine Ahnung.
"So schlimm war ich ja auch nicht. Ich war sehr diskret, ich denke, das Jack nicht direkt etwas davon mitbekommen hat. Aber wie gesagt, ich denke, er ahnte etwas. Aber er war so verliebt in mich, das er damit leben wollte und wohl auch konnte. Manchmal hatte ich schon Gewissensbisse. Aber ich konnte halt nicht gegen meine Natur ankämpfen. So war es auch schön unverbindlich. Keine Fragen, kein klammern, unverbindlicher Sex und tschüss."
Ich schaute meine Tante an. Ihr Mund lächelte, aber ihre Augen sahen traurig aus.
"Und das hast du all die Jahre durchgehalten? Nicht mal als Onkel Jack im sterben lag habt ihr darüber gesprochen?"
"Halt mich bitte nicht für herzlos. Nein, ich habe an seinem Sterbebett gesessen, seine Hand gehalten bis er den letzten Atemzug getan hat und habe dann", .............geweint. Bis ich keine Tränen mehr hatte. Er war mir in all den Jahren ans Herz gewachsen, wie ein sehr guter Freund. Ich liebte ihn auf meine Weise und ich trauerte auf meine Weise."
Hannah wischte sich eine Träne aus dem Auge. Dann schaute sie mich an und lachte. "Ich hoffe, du denkst jetzt nicht schlecht von mir."
Ich legte beide Arme um sie und gab ihr einen Kuss auf die Wange. "Ich hab dich lieb Tante Hannah. Ich würde nie schlecht über dich denken. Meine Meinung ist: Jeder hat das Recht, seine eigenen Fehler und Erfahrungen zu machen."
"Du bist lieb."
Die Türklingel ging. Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen und schrak hoch.
"Das müsste Cassie sein. Ich hab sie angerufen und zum Frühstück eingeladen. Ich hoffe das war ok?"
"Woher hattest du denn ihre Nummer?" 
"Nicht nur du kannst ein Handy benutzen", meinte Hannah und zwinkerte mir zu.
Ich ging zur Tür und öffnete. Vor mir stand Cassie, so schön und frisch wie immer. Sie hatte eine rote Rose in der Hand und überreichte sie mir. 
"Die schönste Blume der Welt für die schönste Frau der Welt."
Mir wurde heiß, vor Verlegenheit. Wie kitschig und doch so romantisch.
Sie zog mich an sich und gab mir einen innigen Kuss. "Na du Nachtschwärmerin. Das nächste Mal, wenn du mich so früh wach machst, erwarte ich dich persönlich." Sie grinste mich verwegen an.
"Darauf kannst du dich verlassen. Komm doch erstmal rein, Hannah und ich haben schon mit dem Frühstück angefangen."
Wir setzten uns an den Tisch, frühstückten ausgiebig, schwatzten über Gott und die Welt, lachten viel und dann ging Hannah, um ihren Koffer zu packen. Cassie und ich würde sie heute zum Bahnhof bringen.

Während Hannah packte, hatte ich Cassie von der letzten Nacht berichtet. Als ich die Geschichte beendete sagte sie: "Deine Tante ist eine mutige Frau."
"Mutig? Sie findet, das sie feige gehandelt hat."
"Nein, es ist sehr mutig, auf die Liebe seines Lebens zu verzichten, nur um es anderen Leuten recht zu machen. Einige mögen vielleicht sagen, dass es der einfachste Weg für sie war, aber ich denke, daß es sie sehr viel Mut gekostet hat."
Ich dachte einen Moment nach. "Ja, wenn man es so betrachtet, hast du tatsächlich recht."
Cassie lächelte mich an. "Ich habe immer recht." Sie zwinkerte mir zu.
Am späten Nachmittag fuhren Cassie und ich meine Tante zur Central Station. Am Bahnsteig nahm sie mich noch einmal in die Arme, drückte mich fest und flüsterte mir so leise, das Cassie es nicht hören konnte, ins Ohr: "Warte nicht zu lange, deine Liebe zu Cassie auch öffentlich einzugestehen. Sonst passiert dir das Gleiche wie mir."
Sie hielt mich ein wenig von sich weg und sah mir in die Augen. "Sei nicht so feige wie ich." Ich sagte nichts und drückte sie stattdessen herzlich.
Meine Tante bestieg den Zug und suchte ihr Abteil. Sie öffnete das Fenster um uns zum Abschied zu winken.
Der Zug fuhr los und Cassie ergriff meine Hand. Und einem alten Impuls folgend entzog ich sie ihr sofort wieder. Schließlich waren wir hier ja in der Öffentlichkeit. Cassie sah mich von der Seite an, aber ich traute mich nicht ihren Blick zu erwiedern.
Der Zug entfernte sich aus dem Bahnhof und Cassie und ich gingen in Richtung des Ausgangs.
"Deine Tante ist wirklich eine coole Socke. Und eine mutige Frau."
"Wenn du es sagst." Ich war in Gedanken schon wieder ganz woanders.

Freitag, 15. Februar 2013

Kapitel 5: Tante Hannah's Geschichte

Wir saßen uns auf meiner Couch gegenüber, ein Glas Rotwein in der Hand und Hannah erzählte mir die Geschichte ihrer ersten Liebe zu einer Frau.
Hannah schaute nachdenklich auf ihr Glas. "Tja, wo soll ich anfangen? Es ist so viel Zeit vergangen. Aber ich erinnere mich immer noch, als ob es erst gestern war."

Es war der Tag vor meinem 21. Geburtstag. Wie du weißt, studierte ich damals hier in New York und jobbte in einem kleinen Cafe im Greenvich Village. 
Es war ein heißer Junimorgen, als ich mit der Arbeit begann. Sie betrat das Cafe ca. dreißig Minuten nachdem wir geöffnet hatten. Es waren Ferien, die meißten New Yorker flohen vor der Hitze, deshalb war nicht viel Betrieb.
Ich ging zu ihr rüber. "Guten Morgen, was darf ich ihnen bringen?"
Sie blickte auf und lächelte mich an. Ich hatte noch nie in so strahlend blaue Augen geblickt. Jedenfalls kam es mir so vor. Ihre roten Locken umspielten ihr Gesicht und ihr Lächeln war bezaubernd. Sie hatte Sommersprossen auf der Nase und den Wangen. 
"Das wäre alles, danke", sagte sie lächelnd und schaute mich an. Ich räusperte mich und stotterte:"E....e....entschuldigung, was sagten sie?"
"Ich hätte gern einen Kaffee und ein Croissant." Sie lächelte immer noch und ihre Augen strahlten wie der Himmel an diesem Junitag. "Äh, ja, danke. Ich bringe es sofort."
Ich kam mir so blöd vor. 
'Was ist denn los mit dir?' schalt ich mich selbst. Aber ich konnte nicht länger darüber nachdenken, denn an einem anderen Tisch rief man schon lautstark nach einer Bedienung.
 Nach einigen Minuten brachte ich ihr die Bestellung. Ich stellte den Kaffee und das Croissant auf den Tisch. "Danke", ohne von ihrem Buch aufzuschauen nahm sie das Croissant direkt vom Teller und biss herzhaft hinein. Ich blieb wohl einen Moment länger stehen als nötig war, denn sie schaute auf und sah mich mit fragendem Blick an. "Danke, das wäre dann erstmal alles."
"Äh, bitte, gern geschehen. Falls sie noch einen Wunsch haben, ich bin gleich dort drüben", ich deutete auf den Thresen. "Danke, gut zu wissen". Sie widmete sich wieder ihrem Buch.

Tante Hannah unterbrach ihre Erzählung. Sie schaute versonnen auf ihr Glas und drehte es in ihrer Hand.
Ich sagte nichts und wartete gespannt darauf, dass sie weiter erzählte. 

Das war unsere erste Begegnung an diesem Tag. Aber es sollte nicht die letzte sein. 
Der Tag war sehr heiß und ich kam ganz schön ins schwitzen. Als ich meine Arbeit kurz unterbrach um auf die Toilette zu gehen muß sie wohl das Cafe verlassen haben. Ich bemerkte es gar nicht sofort, da ich mich hinter dem Thresen zu schaffen machte. Als ich irgendwann aufsah und zu dem Tisch hinüberschaute, an dem sie gesessen hatte, war er leer. Irgendwie war ich enttäuscht, aber, was hatte ich denn erwartet? 
Meine Schicht endete gegen vierzehn Uhr. Ich verabschiedete mich von Lisa, meiner Ablösung und verließ das Lokal. Der Himmel hatte sich verdunkelt, es zog ein Gewitter auf. Aber ich mußte noch ein paar Bücher für mein Studium abholen, die ich in den Semesterferien durcharbeiten wollte.
Ich ging die 3rd Street Richtung 6th Avenue als es zu Donnern begann. Meine Schritte wurden schneller. Aber noch bevor ich die Bücherei erreichte, fing es an wie aus Eimern  zu schütten. 
Total durchnäßt stürzte ich regelrecht durch den Eingang des Geschäftes und rempelte eine alte Dame an. Ich endschuldigte mich bei ihr, aber sie schüttelte nur den Kopf, murmelte etwas vor sich hin und verließ den Laden. Da stand ich nun, pudelnass und verlegen.
Ich sah mich nach einer Verkäuferin um, die ich wegen meiner Bestellung ansprechen konnte, als ich plötzlich ein leises Lachen hinter mir hörte. Ich drehte mich in die Richtung, um zu sehen, wer sich da über mich lustig machte. 
Und da stand sie. Sie schaute mich direkt mit ihren stahlblauen Augen an.
"Hallo." Sie kam einen Schritt auf mich zu.
"Ha-Hallo." Mehr brachte ich nicht heraus. Jetzt konnte ich sie mir genauer ansehen. Ich schätzte sie auf mitte dreißig, später erfuhr ich, dass sie zweiundvierzig Jahre alt war. Sie hatte rotes gelocktes Haar und ein spitzbübisches Lächeln. Meine Knie wurden ganz weich. 
Sie kam noch einen Schritt auf mich zu. Regen tropfte mir von den Haaren, aber ich bemerkte es nicht. Meine Kleidung war völlig durchnäßt, doch ich spürte es nicht. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Dabei kannte ich diese Frau gar nicht. Ich kannte nicht ihren Namen, noch wer sie war oder wo sie herkam. Und doch hatte ich das Gefühl, als ob ich sie schon ewig kennen würde.

Tante Hannah nahm einen Schluck Wein. Ich hing an ihren Lippen und lauschte gespannt ihrer Geschichte.
"Was ist dann geschehen?" fragte ich leise und berührte sie sacht am Arm. Tante Hannah schaute mich an, ihre Augen schimmerten feucht. Aber sie atmete tief ein, lächelte mich an und erzählte weiter.
  
Wir schauten uns einige Sekunden lang an. Dann sagte sie: "Willst du hier etwas bestimmtes oder suchst du nur Schutz vor dem Regen?"
"Oh, ich wollte einige bestellte Bücher abholen", sagte ich und sah mich dabei suchend um. 
Da ich immer noch keine freie Verkäuferin ausmachen konnte wandte ich mich ihr wieder zu.
Lächelnd ergriff sie meine Hände. "Du bist klitsch nass."
Ich sah an mir herunter. "Ja, das ist wohl wahr." Ich sah sie an. Plötzlich mußten wir beide lachen.
Sie hatte ein so wundervolles Lachen, ich konnte gar nicht anders. Wir lachten und lachten und sie hielt dabei meine Hände. Die wenigen Kunden im Laden sahen uns teils amüsiert, teils verwirrt und teils pikiert an. Es war mir egal. Wir konnten gar nicht aufhören zu lachen. 
"Meine Damen, etwas ruhiger bitte," schalt uns eine Verkäuferin. 
Wir sahen beide zu ihr hinüber. 
"Komm", sagte sie zu mir, ließ eine Hand los und zog mich an der anderen aus dem Laden. Draußen regnete es immer noch Bindfäden. Wir liefen die Straße hinunter und lachten immer noch. Wir tanzten und hüpften  ausgelassen den Gehweg entlang.  Den Regen nahmen wir gar nicht wahr.
Sie strahlte mich an und rief mir zu: "ich bin Mandy". Wir blieben voreinander stehen. Sie sah mir in die Augen, wir standen ganz nah voreinander. Sie strich mir eine Strähne aus dem Gesicht und streichelte dabei meine Wange. "Ich bin Hannah", bekam ich raus und konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Und da küßte sie mich zum ersten Mal. Ganz zart berührten ihre Lippen die meinen. Dann schaute sie mich wieder an. In dem Moment war mir der Ort und die Menschen um uns herum völlig egal. Ob sie uns anstarrten, über uns lachten oder den Kopf schüttelten. Ich wollte es nicht wissen.
Und diesmal küßte ich sie. Zuerst ganz sacht, doch dann wurde mein Kuß fordernder.

Hannah  verstummte. Ich sah sie an. Sie schaute verträumt ins Nichts. Ich wartete eine Weile bevor ich sie ansprach. "Tante Hannah, ist alles in Ordnung?"
Sie schaute mich an, aber ich hatte das Gefühl, das sie in Wahrheit ganz weit weg war.
Dann wurde ihr Blick wieder klar. "Ach Kleines, es kommen so viel vergessen geglaubte Gefühle wieder hoch."
"Wenn es dir zu schwer fällt, kannst du mir die Geschichte ein anderes Mal weiter erzählen." Ich streichelte ihren Arm.
"Nein, es geht schon. Du sollst die ganze Geschichte erfahren." Sie lächelte mich an und nippte von ihrem Wein.

Sie führte mich zu ihrer Wohnung im Village. Es war ein kleines Atelier im vierten Stock. Wir liefen lachend die Treppen hinauf und zwischendurch hielten wir immer wieder an und küßten uns leidenschaftlich.
 Die Tür zu ihrem Atelier war nicht verschlossen, Mandy öffnete sie und schubste mich sanft hinein. Ich blieb ruhig stehen und konnte hören wie die Tür ins Schloss fiel
Der Raum war hell, mit einem großen Dachfenster unter der eine Staffelei stand. Im vorderen Bereich war eine Kochnische mit Theke und zwei Barhockern. Im hinteren Bereich stand, etwas erhöht, ihr Bett. Es wurde von einer Patchworkdecke und vielen Kissen verziert.Sie kam zu mir und umfaßte mich von hinten.
Ich schmiegte mich an sie und umfaßte ihre Arme.
"Du fühlst dich ganz kalt an, soll ich dir einen Tee machen?"
Langsam drehte ich mich zu ihr um und sah ihr in die stahlblauen Augen. Ich strich ihr über die Haare, über ihr Gesicht und ihren Hals. Mandy hatte die Augen geschlossen.
"Alles was ich möchte bist du". Hatte ich das gesagt? Ich war über meine Direktheit erschrocken. Aber Mandy weckte etwas in mir, das ich noch nie bei einer Frau mit solcher Intensität erfahren hatte. Ich begehrte sie, ein Gefühl das nicht ganz neu für mich war. Aber bisher hatte ich mich nie getraut auch den letzten Schritt zu machen. Mandy wollte ich ganz und zwar hier und jetzt.

Hannah sah mich an: "Ich möchte dich mit den intimen Details verschonen. Nur so viel: es war eine sehr stürmische Nacht. Und damit meine ich nicht das Gewitter."
"Hattest du keine Angst, es war doch das erste Mal, dass du mit einer Frau zusammen warst?"
"Nein, es war alles so selbstverständlich. Sie öffnete die Tür zu einer neuen Welt für mich und ich trat hindurch."
"Das muss aufregend für dich gewesen sein."
"Du hast ja keine Ahnung wie aufregend. Aber es war auch wunderschön."
"Was geschah am Morgen danach? Ist ja manchmal knifflig diese Situation."
Tante Hannah lächelte und erzählte weiter:

Wir kamen erst bei Sonnenaufgang zum schlafen. Ich erwachte durch die Sonnestrahlen die mein Gesicht streichelten. Zuerst mußte ich mich kurz orientieren, doch dann fiel mir alles wieder ein.
Ich mußte lächeln. Mandy hatte einen Arm um mich gelegt und sich eng an mich geschmiegt. Ich wagte nicht mich zu bewegen, aus Angst, sie aufzuwecken.
Doch ich mußte zur Toilette, also hatte ich keine Wahl. Ich nahm ganz sanft ihren Arm und schlüpfte aus dem Bett. Vorsichtig schlich ich in Richtung Bad als ich hinter mir ein Rascheln hörte.
"Guten Morgen", murmelte Mandy. Ich sah mich um. Sie sah so zauberhauft aus, mit ihren zerwühlten Haaren die ihr wie wild vom Kopf standen. Mit ihrem halb verschlafenen Blick und dem süßen Lächeln auf ihren vollen Lippen.
"Guten Morgen", antwortete ich und lächelte zurück. "Bin sofort wieder da." Was sollte das denn? Was Blöderes fiel mir wohl nicht ein. Ich drehte mich um und verschwand schnell ins winzige Bad.
Als ich auf dem Klo saß, ließ ich die Nacht nocheinmal Revue passieren. Die Erinnerungen an die vergangenen Stunden erregte mich wieder. Und plötzlich fiel mir noch etwas ein. Ich mußte lächeln.
Als ich aus dem Bad kam hatte sie sich halb im Bett aufgerichtet und sah mich an. Ihre Wangen waren noch immer gerötet. Sie öffnete die Arme: "Komm zu mir Engel".
Ich ging zu ihr, blieb vor dem Bett stehen und sah sie an. "Was ist Baby?" fragte sie mich und ergriff meine Hand.
"Es ist alles in Ordnung. Mir ist nur gerade etwas eingefallen."
Mandy sah mich auffordernd an: "Nämlich?"
"Heute ist mein 21. Geburtstag", sagte ich und sah sie an.
Mandy kniete sich auf das Bett, so dass wir auf Augenhöhe waren. 
"Na dann Engel, alles Liebe zum Geburtstag."
Sie nahm mich in den Arm und küßte mich leidenschaftlich. Als wir voneinander ließen schauten wir uns an und wir mußten biede lachen. Wir lachten, vielen auf das Bett zurück und machten da weiter, wo wir am frühen Morgen aufgehört hatten.

Ich war so fasziniert, dass ich gar nicht merkte wie die Zeit verging. Meine Lieblingstante machte eine Pause und schaute mich an.
"Wie ging es weiter mit euch? Hast du sie wiedergesehen?"
Hannah lachte. "Langsam Kleines, ich erzähle dir auch noch den Rest, aber zunächst muss ich erstmal auf die Toilette."
Ich konnte es kaum erwarten das Ende der Story zu hören.
Als sie im Bad verschwunden war, ging ich auf die Dachterrasse um eine Zigarette zu rauchen.
Die Geschichte hatte mich völlig in ihren Bann gezogen. Ich hatte ja gar keine Ahnung was meine Tante in jüngeren Jahren erlebt hatte. Sie war immer so wage gewesen, wenn ich sie nach ihrer Studienzeit in New York gefragt hatte. 
 Es war sehr faszinierend, aber auch ein wenig traurig, schließlich wußte ich ja, dass es kein Happy End geben würde.
Ich zog an meiner Zigarette und schaute auf die Lichter New Yorks. Ich mußte an Cassie denken, die jetzt in ihrem Bett lag und hoffentlich von mir träumt.  
Ich hörte Hannah aus dem Bad kommen und auf die Terrasse treten. Sie stellte sich neben mich und wir schauten beide auf die Stadt die niemals schläft.
Ich schaute sie von der Seite an, sie machte einen traurigen Eindruck.
"Geht es dir gut Hannah?"
Sie schaute mich an und lächelte: "Aber ja, nur haben mich die Erinnerungen doch mehr getroffen, als ich gedacht hatte. Aber es tut gut, darüber zu reden. Ich habe so lange geschwiegen und bin so froh, dass ich es endlich jemandem erzählen kann. Und das du es bist ist noch viel schöner."
Ich nahm sie in die Arme. So blieben wir ein paar Augenblicke stehen bis sie sagte: "Es ist doch ein wenig kühl hier draußen, laß uns wieder reingehen, dann erzähle ich dir das Ende der Geschichte."
Wir gingen wieder ins Wohnzimmer und setzten uns auf die Couch. Nachdem wir beide von unserem Rotwein getrunkenn hatten erzählte sie weiter.

Mandy und ich trafen uns nach dieser Nacht regelmäßig. Wir hatten einen tollen Sommer. Sie stellte mir ihre Freunde aus dem Village vor und wir waren fast jedes Wochenende auf einer anderen Party.
Da der Sommer sehr heiß war, verbrachten wir die Tage, wenn ich nicht arbeiten mußte, in ihrem Atelier. Dort war es schön kühl, aber nur die Raumtemperatur. Zwischen uns beiden lief es ganz schön heiß. Wir liebten uns zu jeder Gelegenheit. Es war der beste Sommer, den ich je erlebt hatte und erleben würde. 
Wir besuchten Ausstellungen, gingen auf Vernissagen, plauderten mit ihren Nachbarn auf der Straße und in den kühlen Nächten, wenn wir nicht gerade mit Sex beschäftigt waren, saßen wir auf der Treppe vor ihrem Haus, rauchten, plauderten und genossen das Leben.
Sie half mir bei meinem Stoff für das Studium und lehrte mich Dinge, die ich ohne sie vielleicht nie herausgefunden hätte. 
Allerdings lief unsere Liebe im verborgenen ab, für ihre Freunde waren wir nur gute Freundinnen, obwohl ich nicht weiß, ob sie uns das abgekauft haben. 
Sie machte keinen Hehl daraus, dass sie lesbisch war. 
Sie erzählte mir, dass sie schon oft deswegen verbal und einige Male auch tätlich angegriffen worden war. Aber sie wollte sich nicht verstecken. 
Sie sagte immer zu mir: "Wer bin ich denn, wenn ich nicht sein kann wie ich bin? Jeder Mensch sollte so leben, wie es ihm gefällt. Ich würde nur mich selbst belügen und damit könnte ich nicht leben."
Meine Gefühle für sie wurden immer stärker, je mehr Zeit wir miteinander verbrachten. 
Ich bewunderte sie und schaute zu ihr auf, aber sie behandelte mich wie eine Ebenbürtige, obwohl ich so naiv und unsicher war. Sie gab mir das Gefühl, Jemand zu sein. Und mit ihr an meiner Seite hätte ich die Welt aus den Angeln heben können. 
Allerdings konnte ich eine Sache nie tun, ich konnte mich nicht outen. Ich hatte zu viel Angst, dass meine Familie es herausfinden und nicht akzeptieren könnte.
Meine Eltern waren sehr gläubig und sehr aktiv in der Gemeinde in der sie wohnten und wenn herausgekommen wäre, dass eine ihrer Töchter auf Frauen stand, dann wäre das eine totale Katastrophe für sie gewesen. Ihre Welt wäre zusammengebrochen.
Mandy beteuerte immer, dass es ihr nichts ausmache, aber ich doch darüber nachdenken solle. Ich könne mich schließlich nicht immer hinter Normalität verstecken. Entweder käme es irgendwann doch durch einen dummen Zufall heraus oder ich würde schöne Gelegenheiten verpassen, nur weil ich nicht ehrlich zu mir selbst sei.
Ich schob den Gedanken beiseite und redete mir ein, dass es doch ganz gut zwischen uns lief. Also warum sollte ich mich dann irgendwelchen Unannehmlichkeiten aussetzen, nur weil ich mich in eine Frau verliebt hatte.
Ja, ich war verliebt und zwar bis über beide Ohren. 
Aber irgendwann geht auch der schönste Sommer vorbei. Es wurde kühler und ich mußte wieder zur Uni. Von da an sahen wir uns nicht mehr so häufig.
Es tat mir zwar weh, sie nicht mehr so oft treffen zu können, aber mein Lernpensum war enorm und ich trat auch noch einigen Lernkreisen bei, so dass ich kaum noch Zeit für sie hatte.

Hannah schwieg. Ich war so versunken in ihre Erzählung, dass ich es erst gar nicht merkte. Doch dann schaute ich auf und sah, dass ihr eine Träne die Wange herunterlief.
Ich sah sie an, schwieg aber. 
Hannah wischte sich die Träne mit dem Handrücken ab, lächelte mich an und erzählte weiter.

Es war eine verrückte Zeit. Ich bekam so viele neue Eindrücke, zudem war ich das allererte Mal in eine Frau verliebt, doch diese Liebe blühte nur im geheimen.
Wenn ich sie jemandem vorstellte war sie nur eine gute, eine sehr gute, Freundin. Ich war mit dieser Situation zufrieden und auch Mandy hatte mir immer wieder beteuert, dass es so in Ordnung für sie wäre. Allerdings ließ sie aber auch keinen Zweifel daran, dass es für uns beide schöner wäre, wenn ich mich endlich dazu bekennen würde, dass ich Frauen liebe.
Ja, ich gab ihr recht, aber ich fühlte mich einfach noch nicht bereit dazu. 
Dann kam der Abend, an dem sie mir erzählte, dass sie nach Paris gehen wolle.
Wir saßen in ihrem Atelier, nachdem wir uns lange und zärtlich geliebt hatten, an ihrem Küchentisch gegenüber. Sie hatte uns einen Tee gemacht. Ich hatte die Beine angezogen und nippte an meiner Tasse, als sie mir plötzlich fest in die Augen sah.
"Hannah, ich muß dir etwas sagen. Einen Vorschlag machen."
Ich sah sie erwartungsvoll an. 
Sie spielte mit ihrer Tasse, schob sie hin und her und schien die richtigen Worte zu suchen.
"Ich habe eine alte Freundin, die in Paris wohnt." Pause
Ich wartete, dass sie weiter erzählte. Irgendwie war ich auf diese alte Freundin eifersüchtig, konnte aber nicht sagen warum.
"Sie hat mir geschrieben und mich eingeladen sie in Paris zu besuchen."
Sie schaute mich nun an.
"Und ich möchte diese Einladung annehmen. Dort könnte ich meine Kunst noch verbessern, neue Kontakte knüpfen und, na ja, vielleicht ein neues Leben beginnen."
"Was ist denn an diesem Leben falsch?" fragte ich und sah sie an. Mein Gott, war ich damals noch naiv.
"Oh, nichts, schon gar nicht, seit ich dich kenne. Aber ich hätte dort viel bessere Möglichkeiten Recherchen zu meinem Buch zu machen. Du weißt, mein Buch spielt im Frankreich des zweiten Weltkrieges. Ich könnte direkt vor Ort Nachforschungen anstellen und Interviews führen. Und,"
Pause
Sie räusperte sich: "Ich dachte, vielleicht hast du Lust mich zu begleiten. Dort wären wir weit weg von allem und du hättest dann vielleicht den Mut, dich zu dir zu bekennen."
"Ach, darum geht es also? Du möchtest, dass ich mich zu dir bekenne? Und weil ich es hier bisher noch nicht getan habe möchtest du, dass wir nach Europa gehen? Denkst du, das würde alles ändern? Ich dachte, es macht dir nichts aus wenn wir uns in der Öffentlichkeit nur als gute Freundinnen bezeichnen?"
"Nein, Hannah, so meine ich das doch nicht. Es wäre wirklich eine Chance für mich und ich möchte sehr gern, dass du mitkommst. Ob nun als gute Freundin oder als geliebte Frau. Das ist mir egal, ich möchte dich doch nur bei mir haben."
Ich sprang auf. "Sorry Mandy, aber das muß ich mir erst noch einmal gründlich überlegen. Ich kann doch nicht hier alles stehen und liegen lassen und einfach abhauen."
"Hannah, was läßt du denn hinter dir? Dein Studium kannst du in Paris genauso weiterführen und Familie hast du in New York nicht."
Mir stiegen die Tränen in die Augen, aber ich wollte nicht weinen. Ich drehte mich um, zog meine Hosen an und ging Richtung Tür.
"Sei mir nicht böse Mandy, aber ich muß jetzt gehen. Ich schreibe Morgen eine wichtige Klausur und ich muß noch dafür lernen."
Ich traute mich nicht sie anzusehen, aus Angst nicht den Mut aufzubringen und zur Tür hinaus zu gehen.
"Hannah, sieh mich an." Mandy kam hinter mir her und faßte meinen Arm. Nun mußte ich sie ansehen.
Als ich in ihre Augen sah erschrak ich. In ihrem Blick lag so etwas wie Trauer, Sehnsucht und, ja, was war es noch? Da konnte ich es noch nicht deuteten, aber ein paar Tage später wußte ich, dass es die Gewißheit eines Abschiedes war.
"Mandy, ich verspreche dir, darüber nachzudenken. Wir sehen uns Morgen, ok?"
Ich drückte ihr noch schnell einen Kuß auf die Wange und wollte los. Doch sie hielt mich fest. Ich mußte mich noch einmal zu ihr umdrehen und in ihre Auge sehen. Ich lächelte. Sie lächelte mit traurigen Augen zurück.
Dann verließ ich das Atelier, das Atelier in dem wir so viel Spaß hatten. In dem ich zum ersten Mal die Zärtlichkeiten einer Frau erfahren hatte. 

"Wenn ich damals gewußt hätte, dass ich Mandy zum letzten Mal gesehen habe, wäre ich vielleicht geblieben. Hätte ich mich vielleicht länger mit ihr unterhalten und sie vielleicht nicht so vor den Kopf gestoßen."
Ich schaute Hannah an und nippte an meinem Wein: "Das sind aber ganz schön viele 'vielleichts'."
Hannah sah auf. Sie lächelte mich an. "Da hast du wohl recht. Aber im nachhinein ist man ja immer schlauer."
"Aber was ist dann passiert?"
"Nun, ich möchte dich nicht mit langen Details langweilen."
"Die Geschichte ist alles andere als langweilig."
Hannah strich sich mit der Hand durch ihr kurzes Haar.

Nun, wie es der Zufall wollte hatte ich am darauffolgenden Tag keine Zeit für sie. Ich schrieb wirklich eine Klausur und mußte noch arbeiten. Auch an den folgenden drei Tagen fand ich keine Zeit mich mit ihr auszusprechen. Vielleicht hatte ich auch einfach nur Angst vor dem Gespräch mit ihr. Ich war hin und her gerissen bei dem Gedanken nach Paris zu gehen. So viele Freunde und Studienkollegen träumten davon und ich hatte jetzt die Gelegenheit dazu und dann noch mit der Frau, die ich liebte. Alles hätte so perfekt sein können, wenn ich nicht so feige gewesen wäre.
Nun ja, nachdem ich mir dann endlich ein Herz gefaßt hatte, aber immer noch nicht wirklich wußte, was ich wollte, ging ich zu ihr. Ich klingelte unten an der Tür, aber niemand machte auf. Ich klingelte wieder und wieder. 
Zuerst dachte ich, sie sei ausgegangen. Doch als ich nach einigen Tagen immer noch nichts von ihr gehört hatte, machte ich mir ernsthaft Sorgen.




 

Freitag, 25. Januar 2013

Kapitel 4: Tante Hannah's Besuch oder: Ein Geheimnis wird gelüftet


Cassie und ich waren seid etwa 6 Wochen ein Paar, als meine Tante Hannah ihren Besuch ankündigte. Ich freute mich sehr, da ich sie seid über einem Jahr nicht mehr gesehen hatte.
Hannah war die jüngere Schwester meiner Mutter und für mich so etwas wie eine beste Freundin.
Mit ihr konnte ich über alles reden, wir telefonierten viel zusammen und obwohl sie in diesem Jahr ihren fünfzigsten Geburtstag gefeiert hat, ist sie jugendlicher als manche Leute in meinem Alter.
Sie hat Humor, ist klug und weiß immer das Richtige zu sagen. Nur über mein lesbisch sein wusste sie nichts. Das habe ich immer vor der ganzen Familie geheim gehalten. Ich hielt es für besser.
Meine Mutter würde einen Herzinfarkt bekommen, wenn sie es erführe. Bei Hannah war ich nicht sicher, irgendwie konnte ich mir schon vorstellen, dass sie es verstehen würde, aber ich wollte nichts riskieren.

Nun stand ich also in der Grand Central Station am Bahnsteig und wartete auf den Zug aus Atlanta. Ich war ein wenig aufgeregt, sie wollte eine Woche bleiben und ich hatte einiges für uns geplant. Ich hoffte, dass es ihr noch immer gut ging aber als der Zug einfuhr und die Türen sich öffneten sah ich sofort, dass meine Sorgen völlig unbegründet waren. Meine Tante Hannah stieg auf den Bahnsteig, wie immer modisch gekleidet und hatte einen jungen sportlichen Mann im Schlepptau. Ich musste schmunzeln. Ja, so kannte ich Hannah. Ein paar Stunden Zugfahrt und schon hatte sie die Bekanntschaft eines netten jungen Mannes gemacht. Er schien etwas jünger als ich zu sein und schleppte sich mit ihren Koffern ab. Sie selbst trug nur ihre Handtasche und kam strahlend auf mich zu. Ich lief ihr entgegen und nahm sie in die Arme.
„Hallo meine Kleine“, sagte sie lächelnd und drückte mich fest an sich. „Hallo Hannah, hattest du eine gute Reise?“.
Sie schob mich etwas von sich und sah mich an. „Gut siehst du aus, es ist schön dich zu sehen.“
Dann viel ihr ein, dass der junge Mann noch immer hinter ihr stand. Sie drehte sich um und deutete auf ihn: „darf ich dir Justin vorstellen, er ist Biologiestudent im vierten Semester und besucht seine Eltern in New York.“
Justin lächelte mich an und sagte: „Hi, schön dich kennenzulernen.“ Er machte Anstalten, mir die Hand zu geben, doch da kamen die Koffer ins Rutschen und er lächelte mich nur entschuldigend an.
„Hallo Justin, nett von dir, dass du meiner Tante geholfen hast.“
„Tante? Ich dachte, sie ist deine große Schwester“, sagte er und lächelte spitzbübisch.
„Ist er nicht ein Schatz?“ Hannah stupste ihn am Arm und zwinkerte mir zu.
Ich musste lachen, meine Tante, wie eh und je.
Justin half uns dann noch die Koffer auf einen Gepäckwagen zu laden und verabschiedete sich dann von uns.
Auf dem Weg in meine Wohnung erzählte ich Hannah was ich alles für diese Woche geplant hatte.

Am nächsten Tag stellte ich ihr Cassie vor. Ich war ein wenig aufgeregt und hatte auch ein schlechtes Gewissen, da ich Cassie nur als meine Freundin vorstellen konnte. Dabei hätte ich sie viel lieber als meine Partnerin vorgestellt. Aber das war ja nun mal nicht möglich. Cassie hatte mir versichert, dass es ihr nichts ausmachen würde. Hauptsache sie sei in meiner Nähe, alles andere wäre unwichtig. Ich war ihr so dankbar dafür, aber warum hatte ich dann ein schlechtes Gewissen?
Cassie und Hannah verstanden sich sofort. Sie unterhielten sich wie alte Freundinnen und wir hatten viel Spaß während wir auf das Empire State Building fuhren oder die Geschäfte auf der 5th Avenue unsicher machten. Wir lachten und scherzten und manchmal, wenn niemand hinsah, berührten Cassie und ich uns heimlich. Ganz sacht und unverfänglich, unsere Blicke trafen sich und wir verstanden.
Hannah hatte viel Spaß. „Ach ihr Süßen, so viel gelacht habe ich schon lange nicht mehr.“
Die Woche verging wie im Fluge, wir besuchten eine Broadway Show, tanzten in Night Clubs bis zum Morgen, zeigten Hannah unsere Lieblingsplätze in New York und relaxten am Samstag im Central Park.
Am Samstagabend gab ich dann ein Abschiedsessen für Hannah mit all meinen Freunden und Cassie.
Hannah wusste, dass eine Freundin von mir, Sophie, lesbisch war. Sie brachte ihre neueste Eroberung Jessy mit. Auch wusste sie, dass mein Bekannter Philip schwul war. Auch er kam mit seinem langjährigen Partner George. Hannah hatte keinerlei Berührungsängste. Sie unterhielt sich mit all meinen Freunden völlig offen und über alles. Sie kannte sich bei den neuesten Filmen aus, diskutierte über die Kunstszene in New York und ereiferte sich darüber, dass homosexuelle Menschen noch immer geächtet werden.
Ich war so stolz auf meine Tante. Sie war so ganz anders als meine Mutter. Die hätte sich pikiert zurückgezogen und mir den Umgang verboten. Auch wenn ich schon über dreißig Jahre alt war, meinte sie immer noch, mir sagen zu müssen was ich tun und lassen sollte.
Aber Hannah war da viel offener und freier. Sie war tolerant und experimentierfreudig. Sie war die beste Freundin die ich hatte.

Es war ein toller Abend, wir hatten viel Spaß, führten unterhaltsame Gespräche und die Zeit verging wie im Flug. Gegen ein Uhr gingen die letzten Gäste. Cassie war die letzte die ging und ich brachte sie zur Tür.
Sie nahm meine Hand, ich schaute mich um, ob meine Tante uns auch nicht sehen konnte.
„Es war ein toller Abend Sandy. Deine Tante ist eine tolle Frau. Gib ihr nochmal einen Kuss von mir.“
„Ja, Süße, das mache ich. Danke, dass du da warst. Es war eine tolle Woche“ und etwas leiser flüsterte ich ihr zu: „sehen wir uns morgen Abend?“
Sie nickte nur, hauchte mir einen Kuss auf die Lippen und verschwand.
Ich ging wieder zurück in die Küche, wo meine Tante sich schon ordentlich zu schaffen machte.
Sie belud die Spülmaschine und ohne aufzublicken sagte sie: „eine nette junge Frau, diese Cassie.“
„Ja, das ist sie.“
„Und hübsch ist sie auch.“
Ich antwortete nur mit einem: „mmmmmhhh“.
Sie schaute auf und sah mich an. „Und wie lange seid ihr schon zusammen?“
Ich erstarrte, versuchte aber, mir nichts anmerken zu lassen.
„Du meinst, seid wann wir uns kennen?“ Ich konnte sie nicht anschauen und beschäftigte mich mit den schmutzigen Gläsern.
„Nein, ich meinte: Wie lange seid ihr schon ein Paar?“
Ich sah Hannah an und merkte zu meinem Ärger, dass ich rot wurde.
„Ähm, ein Paar? Wie kommst du denn darauf?“ Ich lachte zu laut, zu laut für meinen Geschmack. „Wir sind befreundet, seid etwa sechs Wochen.“
Hannah kam jetzt auf mich zu, sie stand direkt vor mir. Sie nahm mich bei den Armen und zwang mich, ihr in die Augen zu schauen.
„Kleines, ich habe Augen im Kopf und weiß wie jemand schaut, der verliebt ist. Und Cassie ist definitiv verliebt. Du brauchst mir nichts vorzumachen, nicht deiner alten Tante.“ Sagte sie und zwinkerte mir zu.
Ich schaute auf den Boden. "Ach, Hannah, du bist doch nicht alt."
Hannah legte ihren Finger unter mein Kinn und zwang mich ihr in die Augen zu schauen.
"Sandra Valentine Webster, ich sehe es dir immer an, wenn du versuchst mir etwas zu verheimlichen."
Ich öffnete den Mund, schloss ihn dann aber wieder. Es hatte keinen Zweck, es stimmte. Hannah hatte mich immer durchschaut. Sie kannte mich besser als jeder andere Mensch.
Ich seufzte, entwand mich ihrem Griff und setzte mich auf einen Stuhl. Hannah ließ sich mir gegenüber nieder.
"Ach Hannah, du hast ja recht."
Sie sagte nichts, sah mich nur an.
Ich schluckte und spielte mit dem Trockentuch vor mir auf dem Tisch.
"Was sagst du dazu?"
Sie nahm meine Hände in ihre. "Meine Kleine, was soll ich dazu sagen? Warum hast du sie mir als eine Freundin vorgestellt?"
"Ich hatte Angst, dass du es nicht verstehen könntest."
"Habe ich dir jemals das Gefühl gegeben, dass ich kein Verständnis für dich habe? Irgendwann?"
"Nein," sagte ich kleinlaut und schaute sie von unten her an. Sie erwiederte meinen Blick.
"Komm Kleines, erzähl es mir. Was ist los mit euch beiden?"
"Nun, was soll ich sagen, wir sind ineinander verknallt." Ich schluckte und mußte unsicher lachen. "Hättest du jemals gedacht, dass ich auf Frauen stehe?"
"Nun, gedacht vielleicht nicht, aber ich bin nicht geschockt, wenn du das meinst."
"Hannah, du weißt, dass ich meine Gefühle nicht gut zeigen kann. Bei Cassie fühle ich seid langem wieder etwas. Sie macht mich glücklich, wir lachen viel zusammen und führen sehr lange und interessante Gespräche."
"Und der Sex? Wie ist der?"
"Hannah!!"
"Was?! Das gehört nun mal dazu. Ist doch nichts Schlimmes."
Ich stand auf und lief in der Küche auf und ab. Dann sah ich sie an und lächelte. "Der Sex ist gigantisch."
Wir beide mußten lachen.
"Na, dann ist doch alles super. Warum versteckst du dich dann?"
"Ach Hannah, das ist alles nicht so einfach. Du weißt wie die Leute über homosexuelle reden."
"Aber Kind, wir leben im 21. Jahrhundert. Du solltest aufgeschlossener sein. Ich dachte ihr Werbefutzis seid für alles offen."
Ich schaute sie überrascht an. "Du weißt doch gar nicht, worum es geht. Ich habe einfach keine Lust auf diese Sticheleien, die blöden Bemerkungen und all das. Außerdem lasse ich niemanden gern so tief in mein Leben blicken, das weißt du doch."
"Da solltest du aber drüber stehen. Was sagt denn Cassie dazu, dass eure Liebe nur im Verborgenen blüht?"
"Sie akzeptiert es." Ich schenkte mir ein Glas Wein ein und deutete Hannah mit einer Handbewegung an auch ihr nachzuschütten. Sie nickte.
Wir gingen hinüber ins Wohnzimmer und setzten uns auf die Couch. Hannah trank einen Schluck Wein, stellte das Glas auf den Tisch und schaute mich an.
"Sandy, du wirst dich früher oder später zu eurer Liebe bekennen müssen. Cassie wird nicht ewig warten. Liebst du sie denn?"
"Ich weiß es nicht. Ich bin hin und her gerissen. Einerseits möchte ich jede freie Minute mit ihr verbringen, andererseits habe ich Angst davor enttäuscht zu werden."
"Mein Gott Kleines, du machst es dir wirklich schwer. Das ist die Erziehung meiner verklemmten Schwester. Du hattest immer Schwierigkeiten dich zu öffnen oder Vertrauen aufzubauen. Sandy, du solltest ehrlich zu dir und auch zu Cassie sein, sonst ist es vorbei bevor es überhaupt richtig angefangen hat."
Langsam wurde mir das Gespräch unangenehm und ich rutschte auf dem Sofa herum.
"Tante Hannah, du weißt doch gar nicht wovon du sprichst." Ich war etwas angesäuert. Das Gespräch lief in eine Richtung, die mir gar nicht behagte.
Hannah lachte. "Tante Hannah sagst du nur, wenn dir etwas nicht paßt. Aber ich kann dir versichern, ich weiß wovon ich spreche."
Ich sah sie an. "Warst du auch schon einmal in jemanden verliebt und konntest es nicht öffentlich zeigen? Das glaube ich kaum."
"Oh Kleine, du hast ja keine Ahnung."
Ich sah sie überrascht an. Meine Tante Hannah und eine verbotene Liebe? Das konnte ich mir gar nicht vorstellen. "Wer war er? Erzähl!"
Sie sah mich schelmisch an. Aufreizend langsam nahm sie ihr Weinglas und trank einen Schluck. Dann schaute sie mich lächelnd an: "Du meinst, wer war SIE?"
Jetzt war ich endgültig verdutzt. Mir fehlten die Worte. Ich starrte sie an, aber sie lachte nur.
"Ja, da schaust du. Ich weiß genau wovon ich rede."
"Äh, Hannah, äh, hast du dich gerade geoutet?" stotterte ich .
"Ja, so nennt man das wohl Heute. Ich habe einmal meine große Liebe verloren, weil ich genau wie du jetzt nicht dazu stehen wollte."
Ich setzte mich aufrecht hin und bat sie mir alles zu erzählen. Wer sie war, wann es war und was geschehen ist.
Und sie begann mir die Geschichte ihrer großen ersten Liebe zu erzählen, über verstecken, verleumden, Tränen, aber auch einer ehrlichen, tief empfundenen Liebe. Ich hörte ihr zu und schwankte zwischen weinen und lachen. Ihre Geschichte hatte kein Happy End aber sie brachte mich zum nachdenken.





















Sonntag, 6. Januar 2013

Kapitel 3: Das dritte Date oder ist das Liebe?





Das dritte Date oder ist das Liebe?

Ich sitze auf der Fensterbank in meinem Schlafzimmer. Es regnet. Verträumt schaue ich den Regentropfen zu, wie sie am Fenster herablaufen. Der Regen hat etwas beruhigendes.
 Heute war unser drittes Date. Das Date dem man nachsagt, dass man Sex hat.
Ich schaue zu dir hinüber, du liegst in meinem Bett und schläfst. Ich schaue dich an und muss lächeln.
Der Duft von Sex liegt noch in der Luft. Ich kann die Berührung deiner Hände auf meiner Haut spüren, deine Lippen, die mich liebkosen. So zart und weich und dennoch fordernd.

Es war unser drittes Date innerhalb von zwei Wochen. Erst waren wir im Kino, dann beim Chinesen und dann noch in einem Club. Wir haben getanzt und gelacht und natürlich auch etwas getrunken.
Aber wir waren nur beschwipst. Ich habe gern alles unter Kontrolle, was Gefühle angeht.
Aber bei dir fühle ich mich sicher. Wie immer haben uns die Leute angestarrt, als wir uns geküsst haben. Aber es machte mir diesmal nichts aus. Du warst bei mir und gabst mir die Sicherheit, die mir sonst immer in der Öffentlichkeit fehlt. Nur wenige Menschen wissen, dass ich lesbisch bin, und das war bisher auch immer gut so.
Wir verließen den Club händchenhaltend. Wir lachten und scherzten und küssten uns. Dann standen wir vor einem Taxi. Wir küssten uns so innig das ich das Gefühl hatte den Boden unter den Füßen zu verlieren. Als wir voneinander ließen, schauten wir uns in die Augen. Und du sagtest zu mir: „Ich will mehr von dir“. Ganz leise, ganz zärtlich und ich nickte nur.
Wir stiegen ins Taxi und ich nannte dem Fahrer meine Adresse.
Die ganze Fahrt über hielten wir uns an den Händen. Ich wagte nicht mich zu bewegen aus Angst, das könnte alles nur ein Traum sein der plötzlich verpufft.

Ich schaue dich an, du scheinst im Schlaf zu lächeln. Im Zimmer ist es dunkel, nur das Mondlicht erhellt dein Gesicht. In mir regen sich Gefühle, die ich tief in mir vergraben hatte, aus Angst noch einmal verletzt zu werden. Ich hatte sie aus meinem Herzen gerissen, tief in mir vergraben, eingeschlossen und den Schlüssen weggeworfen.
Eine echte Beziehung im klassischen Sinne hatte ich schon lange nicht mehr. Auch ich habe mal an die Liebe geglaubt, doch nachdem ich einige Male verletzt worden bin habe ich sie aus meinem Herzen verbannt und für immer verloren geglaubt. Aber ist das Liebe was ich für dich empfinde?
Noch ist meine Angst, wieder verletzt zu werden zu groß. Aber ich sehne mich so nach dir. Ich möchte dich berühren, verführen, verwöhnen und Zeit mit dir verbringen. Das habe ich schon lange bei keiner Frau mehr gefühlt.
Ich habe mich mit Frauen verabredet, habe mit ihnen geschlafen und wenn ich merkte, dass sie mehr für mich empfanden oder sogar von Liebe sprachen habe ich mich immer zurückgezogen.
Dadurch habe ich bestimmt viele Gefühle verletzt, Menschen enttäuscht und mich nicht beliebt gemacht.
Aber es gab auch Frauen, die wirklich nur Sex wollten. Die waren mir die liebsten. Zumindest dachte ich das bis heute.  Doch immer, wenn ich von solch einem Abenteuer nach Hause kam fühlte ich eine Leere in mir, die niemand auszufüllen vermochte.
Für mich war die Liebe ein Mythos, ein Luxus für junge Menschen, für Träumer und weltfremde Leute.

Als wir bei mir ankamen schloss ich die Haustür auf und wir betraten den Flur. Du hast mich plötzlich an die Wand gedrängt und mich stürmisch geküsst. Ich erwiderte deine Zärtlichkeiten und spürte ein unbändiges Verlangen nach dir. Ich wollte mehr, ich wollte dich ganz spüren, deine nackte Haut auf meiner. Ich wollte dich in mir spüren.
Keuchend schob ich dich ein wenig von mir fort. Ich sah dir in die Augen, ich konnte dein Verlangen sehen. Deine Bernsteinfarbenen Augen funkelten im Flurlicht. Plötzlich lächeltest du, nahmst mich bei der Hand und sagtest mit rauer Stimme: „Komm mein kühler blonder Engel, lass uns nach oben gehen bevor ich ganz meine Beherrschung verliere.“
Wir stiegen in den 1. Stock, ich versuchte mit zitternden Fingern die Wohnungstür zu öffnen doch es gelang mir nicht. Schließlich fiel sogar der Schlüssel zu Boden. Du hast ihn aufgehoben und die Tür geöffnet. Eigentlich wollte ich dich noch auf ein Glas Wein einladen, doch dazu bin ich gar nicht mehr gekommen.

Das Mondlicht scheint auf deinen Körper den ich makellos finde. Du bist so wunderschön, witzig, intelligent und wahnsinnig sinnlich und zärtlich. Ich möchte mich wieder zu dir legen, mich an dich kuscheln und mir wünschen, dass diese Nacht nie enden möge.
Du lächelst im Schlaf, zumindest sieht es so aus. Was du wohl gerade träumst? Oder von wem?
Hoffentlich bin ich es. Ich fühle Eifersucht in mir hochsteigen.
„Was ist denn los mit dir?“, höre ich mich sagen. Ich schüttle den Kopf, „so kenne ich dich ja gar nicht.“ Ich schaue mein Spiegelbild im Fenster an. Dahinter prasselt noch immer der Regen gegen die Scheibe. Ich nippe an meinem Glas Wein.
Ist das Liebe?

Ich schließe die Tür, drehe mich zu dir um und du nimmst mich in die Arme. Nur einfach so, du hältst mich fest umschlungen und ich lasse mich fallen. Ich lehne mich an deine Schulter und genieße die Vertrautheit. Ich spüre wie deine Lippen meinen Hals suchen. Ganz sacht erforschen sie meinen Nacken, gleiten nach vorn zu meinem Hals und tasten sich langsam tiefer. Ich stöhne auf, meine Beine werden schwach, ich muss mich an der Wand abstützen. Ich fingere an meiner Jacke herum und werfe sie achtlos auf den Boden. Dann nestle ich an deinem Mantel herum und auch der landet achtlos auf der Erde. Jetzt nimmst du meinen Kopf in deine Hände und küsst mich. „Wo ist dein Schlafzimmer?“ fragst du mich und ich kann nur noch einen unartikulierten Laut von mir geben und dir mit der Hand die Richtung weisen.

Im Mondlicht schimmert der Wein wie Blut. Ich lasse die Nacht noch einmal in Gedanken an mir vorüberziehen. Ungezügelte Leidenschaft gepaart mit Zärtlichkeit.

Schließlich landeten wir küssend auf meinem Bett. Nach und nach fielen alle Kleidungsstücke zu Boden. Du berührtest mich an meinen intimsten Stellen und ich verlor seid langem die Kontrolle. Ich ließ mich fallen, tiefer und tiefer, bis nichts mehr existierte außer dir und mir. Die Welt draußen gab es für uns nicht mehr. Nur noch dich und mich. Dein Körper und meiner.
Ich spürte deine Leidenschaft.
Nachdem wir beide mehrmals den Höhepunkt der Lust erreicht hatten, kuschelten wir uns ganz eng zusammen unter die Decke. Ich war erschöpft, müde und, ja, verdammt, ich war glücklich. Ich musste lächeln, nur ganz leise.
Wir lagen ganz nah beieinander und dann, kurz bevor ich einschlafen wollte hauchtest du mir „ich liebe dich“ ganz leise ins Ohr.
Da war ich wieder wach. Ich ließ mir nichts anmerken. Aber ich sagte auch nichts. Ich wusste nicht ob du eine Antwort von mir erwartest. Ich konnte nicht mehr einschlafen. Dann hörte ich deine ruhigen gleichmäßigen Atemzüge und ich stand auf.

Ich sehe dich nachdenklich an. Was ist das bloß, dass ich diese drei Worte nicht sagen kann. Ich habe kein Problem damit, „ich mag dich“ oder „du bist toll“ oder „du bist sexy“ zu sagen. Aber ein „ich liebe dich“ geht einfach nicht über meine Lippen. Ich wollte es sagen, meine Lippen hatten sich schon geöffnet, aber plötzlich war da wieder meine alte Angst, enttäuscht zu werden.
Aber gleichzeitig sehne ich mich nach dir. Nicht nur nach deinen Berührungen, nein auch nach dir selbst, deinem Lachen, deiner offenen Art.
Ich fühle den Schmerz in mir, den Schmerz, den man empfindet wenn man etwas haben möchte, aber Angst davor hat wie es wird, wenn man es hat. Man begehrt etwas so sehr, dass man Angst hat es zu bekommen, weil dann alles anders sein wird.
Ist das Liebe?
Ich bin so in meine Gedanken versunken, dass ich nicht bemerke wie du aufgewacht bist. Du stehst plötzlich hinter mir und umarmst mich.
Ich erzittere vor der Gewalt meiner Gefühle, aber du deutest mein Zittern falsch.
„Ist dir kalt? Dann komm doch wieder ins Bett.“
„Nein, mir ist nicht kalt.“ Ich drehe mich zu dir um.
Du schaust mich mit deinen wundervollen Augen, in denen sich das Mondlicht spiegelt, an.
„Ist alles in Ordnung?“
Ich kuschel mich an dich. „Aber ja, mehr als in Ordnung.“
Nun stehen wir beide eng umschlungen am Fenster und schauen zum Mond hinauf. Du hauchst mir zärtlich einen Kuss in den Nacken und plötzlich macht es „BÄNG!!“ in meinem Kopf.
Es trifft mich unvorbereitet, mich, die immer ihre Gefühle unter Kontrolle hat. Die sich immer dann zurückzieht wenn es ernst wird.
Es trifft mich wie ein Blitz ins Herz. Hell und strahlend schön. Sterne die vom Himmel fallen, sie leuchten so hell für uns, heller als der Sonnenschein.
Und mein Mund öffnet sich ganz von allein: „Ich liebe dich.“
Ich spüre wie du lächelst: "Ja, die Liebe findet dich immer dann, wenn du es am wenigsten erwartest."
Der Rest der Nacht bleibt für den Leser im dunkeln......

Sonntag, 21. Oktober 2012

Kapitel 2: Welches Spiel spielst du mit mir?









Ich bin natürlich zu früh. Ich reiße die Eingangstür meines Lieblingsitalieners auf und lasse den Blick in die Runde schweifen.
Gian Marco kommt breit grinsend auf mich zu. "Ciao Bella, schön dich zu sehen."
Er nimmt mich herzlich in die Arme und schiebt mich dann auf Armeslänge von sich weg um seinen Blick von oben bis unten prüfend über mich gleiten zu lassen. "Bella, was hast du dich rausgeputzt."
Unsicher schaue ich an mir herunter. "Findest du, es ist zu viel, Gian Marco?" Ich werde rot. Mir ist voll heiß.
"Nein, Sandy, du siehst toll aus. Nur wenn du sonst dein Essen abholst bist du viel lässiger angezogen. Liegt es vielleicht an dieser hübschen Frau, mit der du letztens da warst?" Er zwinkert mir zu und lächelt sein breites Lächeln, so dass ich ihm einfach nicht böse sein. kann.
"Ach, Gian Marco, wir treffen uns Heute zum zweiten Mal. Es ist unser zweites Date innerhalb einer Woche und ich bin immer noch total aufgeregt. Ich hab richtig Lampenfieber."
Was machte ich da? So redefreudig war ich doch sonst nie. Eher verschlossen, niemand kam an mich heran. Oder besser gesagt, ich hatte eine Mauer um mich herum gebaut und tat alles, damit sie niemand einreißen konnte.
Gian Marco nahm mich bei der Hand und führte mich an meinen Tisch. "Schau her Bella, ich habe für euch den schönsten Tisch im Restaurant reserviert. Ich möchte, dass es für euch ein toller Abend wird. Mach was draus". Sagte er und zwinkerte mir zu.
Ich setzte mich. Sah auf die Uhr. Natürlich war ich viel zu früh. Ich hatte es zu Hause nicht mehr ausgehalten.
Nach unserem letzten Treffen oder sollte ich es als Date bezeichnen, na ja , jedenfalls hatten wir uns mit einem Handschlag und Küßchen auf die Wange verabschiedet.
Ich bin nun mal ein verschlossener Typ. Niemand kommt an mich heran.
Doch ich habe den Eindruck, dass du mir in dieser Hinsicht eine Menge lehren kannst. Deine Offenheit, dein Humor, deine Leichtigkeit und Unkompliziertheit.
Ich war sehr verschlossen, doch seid ich dich kenne beginne ich zu wachsen.
Du tust mir gut, doch sage mir, welches Spiel spielst du mit mir?
Du bringst mich zum reden, du bringst mich zum lachen, wenn du bei mir bist habe ich Gefühle von denen ich dachte, ich hätte sie für immer tief in meinem Inneren begraben.
Wenn ich mich dir öffne, wenn ich dir meine Gefühle offenbare, wenn ich an uns glaube, was wirst du dann tun?
Sag mir bitte, welches Spiel spielst du mit mir?
Dann geht die Tür auf und du trittst herein. Du durchschreitest den Raum und ich habe nur Augen für dich. Doch ich weiß, viele Männer und auch Frauen im Gastraum schauen dir hinterher. Du bist eine tolle Erscheinung, schlank, geschmeidig und dein Blick ruht fest auf mir. Dein Lächeln läßt den Raum erstrahlen.
Ich kann nicht glauben, dass du mich willst.
Ich habe keine Freunde, ich habe niemanden mit dem ich mich treffe, du bist mir sehr wichtig.
Ich muss es wissen: Wie ist der Name des Spieles, das du mit mir spielst?

Wir sitzen uns gegenüber. Wir sind beim Dessert. Wir unterhalten uns angeregt. Bei dir fällt es mir leicht mich zu öffnen. Wie durch Zufall berührt deine Hand die meine. Ich schaue dir in die Augen. Selbst diese scheinen zu lächeln.
Welches Spiel spielst du mit mir?
Aber welches Spiel spiele ich? Ich schaue dich an, ich möchte dich berühren, dich spüren, dich küssen und nie mehr loslassen.
Welches Spiel sollen wir spielen?

Sonntag, 30. September 2012

Kapitel 1: Wie alles begann

Der Tag vor dem Tag an dem du in mein Leben kamst


Wie jeden Tag verließ ich das Haus gegen acht Uhr morgens um den Zug zur Arbeit zu erwischen. Noch nicht ganz wach, versuchte ich mich auf die Lektüre der Tageszeitung zu konzentrieren. Der Leitartikel schaffte es dann, mich zu fesseln. Eine bekannte Fernsehschauspielerin hatte sich als lesbisch geoutet, und daß war der Medienwelt sogar eine Schlagzeile wert.
Wie jeden Morgen war ich gegen neun Uhr an meinem Arbeitsplatz in der Werbeagentur und besorgte mir die erste Tasse Kaffee. Gähnend stand ich am Kaffeeautomaten und lauschte den Berichten von Jenny, die von ihrem Sexabenteuer am gestrigen Abend berichtete. Da sie nichts wirklich Neues von sich gab drehte ich mich gelangweilt um und ging wieder in mein Büro um meine E-Mails zu checken und die Unterschriftenmappe für meinen Chef vorzubereiten.
Wie jeden Tag ging ich gegen ein Uhr zum Lunch in das kleine Bistro um die Ecke. Dort traf ich dann wie jeden Tag auf die gleichen Gesichter. Ich setzte mich allein an die Theke und bestellte einen Salat und einen Espresso. Die Kellnerin versuchte Konversation mit mir zu machen und erzählte mir, daß sie ab Morgen Verstärkung hätte. Sie bekäme eine Kollegin, damit sie auch mal frei machen könne.
Während ich ihr zuhörte steckte ich mir eine Zigarette an, die siebte an diesem Tag und niemand bemerkte, daß ich traurig war, nicht einmal ich selbst.
Als ich das Bistro verließ begann es zu regnen, am Tag vor dem Tag an dem du in mein Leben kamst.
Ohne wirklich bei der Sache zu sein, habe ich den Arbeitstag dann wie immer über mich ergehen lassen und niemand bekam etwas von meiner Traurigkeit mit, ich kann mich gut verstellen.
So gegen fünf Uhr bin ich dann wie immer mit dem Zug nach Hause gefahren. Die gleiche Routine, jeden Tag, von Montags bis Freitags, seid ich die Schule beendet habe. Ich beobachtete die Menschen im Zug, ohne wirklich etwas wahr zu nehmen. Mein Kopf war leer, keine Gedanken, nichts. Nur der große Wunsch, jemand würde auf mich zu Hause warten, mich zärtlich begrüßen und mir die Stärke für einen neuen Tag geben.
Doch ich funktioniere, ich gehe zur Arbeit, treffe mich hin und wieder mit Freunden und denke nicht viel darüber nach am Tag bevor du in mein Leben kamst.
So um acht Uhr bin ich zum Italiener um die Ecke gegangen um mir etwas zu Essen zu holen. Gian Marco war so freundlich wie immer zu mir, ich glaube wirklich, daß er mich mag. Doch auch er schafft es nicht, mich aus meiner Lethargie herauszuholen. Ich nehme mein Essen mit nach Hause, setze mich vor die Glotze und schaue mir die xte Wiederholung von Desperate Housewifes an. Ich glaub es gibt keine Folge, die ich nicht gesehen habe.
Um halb elf bin ich dann ins Bett gegangen, wie immer allein, habe noch etwas gelesen und dann gegen elf Uhr das Licht ausgemacht. Ich habe mich in die Kissen gekuschelt und dem Regen zugehört der auf das Dach prasselte am Tag, bevor du in mein Leben kamst.

Terminplan: Tag 0

06:30 Uhr:  aufstehen
08:00 Uhr: Haus verlassen
08:28 Uhr: Zug besteigen
09:00 Uhr: erste Tasse Kaffee im Büro
13:00 Uhr: Lunch im Bistro
17:00 Uhr: Zug nach Hause
20:00 Uhr: Essen im San Merino abholen
22:30 Uhr: ins Bett, lesen
23:00 Uhr: schlafen








Der Tag an dem du in mein Leben kamst

Aufstehen wie immer, duschen, Zähne putzen und ein schnelles Frühstück. 
Wie jeden Morgen gegen acht Uhr das Haus verlassen um den Zug zu erreichen, es regnet noch immer. Aber es stört mich nicht. Es ist mir egal.
Auch an diesem Tag lese ich die Tageszeitung, aber Heute finde ich nichts spannendes, was mich aus meiner Lethargie reißt. Aber irgendwas ist anders an dem Tag an dem du in mein Leben kamst.
Mit dem Zug angekommen reihe ich mich in den Strom der Menschen ein die zur Arbeit hetzen. Aber ich bekomme nichts mit.
Jenny erwartet mich schon am Kaffeeautomat, da sie niemand anderen hat, der sich ihre Eskapaden anhören will. Ich lächle, nippe an meinem Kaffee und höre nicht wirklich, was sie sagt. 
Dann sitze ich wie jeden Tag am Schreibtisch und bearbeite meine Memos und Emails. 
Mein Chef betritt das Büro und sagt mir wie toll er meine Anmerkungen zu einem Werbetext findet.
Eigentlich müßte ich mich freuen, aber es ist mir egal. Doch ich lasse mir nichts anmerken. Niemand weiß wie es in mir aussieht.
Dann wie jeden Tag gegen dreizehn Uhr ins Bistro. Ich sitze an der Theke, esse meinen Salat und rauche meine dritte Zigarette. Die selben Gesichter, die gleichen Geräusche wie jeden Tag. Aber niemand merkt wie es in mir aussieht. Ich kann mich eben gut versellen.
Die Kellnerin erzählt mir, daß ihre Verstärkung zu spät kommt. "Nicht gerade ein guter Start", sagt sie gerade, ich lächle, nicke mit dem Kopf, aber es ist mir egal, doch irgendwas ist anders am Tag an dem du in mein Leben kamst.
Ich muß gehen, meine Pause ist vorbei. Als ich das Bistro verlasse stoße ich mit dir zusammen. Meine Zigarette fällt mir aus der Hand und ich sehe dich irritiert an. Teilnahmslos, ein wenig überrascht und ein klein wenig verärgert. 
Doch du lächelst mich nur an und meinst:" Sorry, ich bin spät dran." Und schon bist du im Bistro verschwunden.
Ich gehe zurück zur Arbeit und irgendetwas ist anders an dem Tag an dem du in mein Leben kamst.
Wie immer verlasse ich die Firma gegen fünfzehn Uhr. Ich nehme den Zug nach Hause und es regnet immer noch. Auf dem Weg nach Hause reißen die Wolken auf und die Sonne kommt heraus.
Ich schließe die Wohnungstür auf, lege die Schlüssel auf den Garderobenschrank lasse meine Kleidung Stück für Stück auf dem Weg zum Bad auf den Boden fallen und betrete die Dusche.
Heute mal nichts vom Italiener, Gian Marco wird mich vermissen, aber heute werde ich mir mal selber etwas zubereiten.
Dann wie immer fernsehen. Gegen zweiundzwanzig Uhr ins Bett um noch zu lesen. 
Als ich das Licht lösche bin ich sicher, etwas ist anders an dem Tag, an dem du in mein Leben kamst.
Ich träume von dir, obwohl ich dich nur kurz gesehen habe. Deine langen kastanienbraunen Haare, deine bernsteinfarbenen Augen und dein herzliches Lächeln.
Etwas ist ganz bestimmt anders an dem Tag an dem du in mein Leben kamst.


Terminplan: Tag 1



06:30 Uhr:  aufstehen

08:00 Uhr: Haus verlassen
08:28 Uhr: Zug besteigen
09:00 Uhr: erste Tasse Kaffee im Büro
13:00 Uhr: Lunch im Bistro 
13.45 Uhr: Zusammenstoß mit dir
17:00 Uhr: Zug nach Hause
18.30 Uhr: duschen
20.00 Uhr: fernsehen
22:00 Uhr: ins Bett, lesen
23:00 Uhr: schlafen und von dir träumen :)